Stürme des Winters; in ihrem Gefolge die gepanzerten Fahrzeuge der Nacht. Die Tage werden dunkel. Du schaust das Antlitz der kalten Winde. Wer wäre in der Lage, Tiefe wie auch das Allüberragende der Johannesbotschaft zu ermessen, wie sie in Versen des Prologs (Joh. 1. 1-18) sich ausspricht? »kai to phōs en tē skotia phainei, kai hē skotia auto ou katelaben / et lux in tenebris lucet, et tenebrae eam non comprehenderunt / und das Liecht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis habens nicht begriffen.« (Joh. 1, 5) Ein Sätzlein, listig im Verborgenen wie ein Fuchs schnürend durch unsere Tage. Im Grunde steht es überall; ein Gütesiegel auf allen Dingen, über alle Stimmungen und Verzweiflungen hingebreitet. Wir meinen es ganz leicht und selbstverständlich verstehen zu können. Und begreifen es doch nicht. Einer der elementarsten Sätze unserer Sprache, unseres Denkens. »Das Licht scheint in der Finsternis.« Skizziert wird in nicht zu überbietender Würde und Schönheit der Aufgang von allem. Es ist ein Scheinen in den Morgenstunden des Universums. Es ist das Beruhigende, Sanfte, Tröstende, welches dem Apokalyptischen einwohnt. Es ist das Salz des Lebens. »und das Liecht scheinet in der Finsternis«, das Vademecum noch jeder hell verdüsterten Stunde auf Erden. Gefragt, was Schönheit sei, könnte man diesen einen Satz aussprechen, in welchem die ganze Schöpfung im Sinne eines Angedeutetseins enthalten. Hermann Broch ordnet der Schönheit in einer berückenden Meditation des Erzromans DER TOD DES VERGIL das epitheton ornans »mühelos« zu. »Denn / an der entrücktesten Grenze strahlt die Schönheit auf, / aus entrücktester Ferne strahlt sie in den Menschen / erkenntnisentrückt, frageentrückt, / mühelos / nur noch dem Blick erfaßbar…« (Hermann Broch, Tod des Vergil, Frankfurt a.M. 1976, S. 111f.) »und das Liecht scheinet in der Finsternis« – der erste mühelose Satz unserer Sprache — alles andere kommt später, wäre diesem Satz nachgeordnet. Vielleicht gibt es keinen Satz, der Gott näher sein könnte als dieser. Ihr Stürme des Winters…

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)