Vereinzelt liegen Boote, verhüllt, am Ufer des linken Seerheinufers, meiner ›rive gauche‹, über die ich so regelmäßig hingehe, deren Steine meinen Schritt erspüren und tragen ––– ihr Steine, auf welche meine Gedanken tropfen wie ein alter Regen. Stunden auch der Erinnerung. Mit dem Älterwerden wächst die Fülle der Erinnerungen; und man wird zur Kenntnis nehmen müssen, wie die Welt um einen her, in atmosphärischer Hinsicht zuallererst, sich verändert. Dem Gymnasium gegenüber, das ich vorzeiten besucht, lag ein Schreibwarengeschäft; darin ein älterer Herr in Anzug und Krawatte die Kunden in liturgisch anmutender Würde, einem ausgesprochen leisen Sprechen verpflichtet, das stets vornehm geklungen, die Kundschaft (im wahrsten Sinne des Wortes) bedient. Des Grabens wegen, der aufgeworfen ist zwischen Erinnertem und erfahrener Jetztzeit, neigt der Ältergewordene zur Klage: Es habe alles sich verändert zum Negativen hin. Platon war sich nicht zu schade, diese entsprechende Enttäuschung nachfolgenden Generationen gegenüber zu Papier zu bringen (ich finde die entsprechende Stelle gerade nicht); im Epheserbrief klingt dieser Vorwurf nach (Eph. 6, 1) –––wahrhaftig nichts Neues unter der Sonne. Lebensweisheit (von der nicht allzuviel erwartet werden darf), die untergehende Sonne, das Näherrücken der Todesstunde, ausufernde Lektüren, das Entziffern moderner Höhlenmalereien, das Hineinlauschen in die Wälder der Musik, ein vielstündiges Nachdenken, die Gabe, einen Schritt zur Seite tun und betrachten zu dürfen und nicht mehr in der Verantwortung zu stehen, handeln zu müssen – es ist ein Amalgam zahlreicher Unterströmungen, die zur Erklärung ein wenig beitragen; letztlich aber dieses Phänomen einer gewissermaßen apokalyptischen Grundhaltung, die irgendwann jeden (sic!) Menschen ergreifen wird, nicht erklären können. Was mich staunen läßt: Daß René Char in seinem letzten Buch (Éloge d’une Soupçonnée / Lob einer Verdächtigen, veröffentlicht im Todesjahr des Dichters 1988) von »ces temps d’abandon«, von diesen verkommenen Zeiten spricht, die den Wolf zu Grunde gerichtet hätten – wo doch seine sozusagen letzten Worte noch vor Leben strotzten, vom Aufbruch kündeten (»Vite, il faut semer, vite, il faut greffer, tel le réclame cette grande Bringue, la Nature; écœuré, même harassée, il me faut semer; le front souffrant, strié, comme un tableau noir d’école communale // Rasch, man muß säen, rasch, man muß propfen, wie es jene große Ungeschlachte, die Natur, verlangt; angewidert, entkräftet sogar, muß ich säen; die Stirne schmerzgewohnt, zerschrammt, wie eine schwarze Tafel in der Grundschule«). Wir entdecken die Tatsache, daß es sich im Falle des Dichters keineswegs um ein lebensmüdes, konservatives Entsetzen über grell plumpe Lebensweisen, ein Nicht-mehr-Zuhausesein der Älteren und Alten handeln kann, daß der Dichter vielmehr ein Grundsätzliches zur Sprache bringt: Ob etwa ein Umbruch doch bevorstehe, die Zeiten in eine dunkle Kammer eingefangen wurden, alles ein wenig aussichtslos erscheinen muß?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)