Antigones Klage, verlassen und einsam in den Tod gehen zu müssen. »…all‘ ōd‘ erēmos pros philōn hē dysmoros / zōs‘ es thanontōn erchomai kataskaphas / …so verlassen von den Meinen geh ich, / Die Unglückselige, lebend in die Grüfte / Der Toten!« (119f. / Übersetzung Schadewaldt). Hölderlin übersetzt, die Sprache verwandelnd eher als exakt übertragend, ganz anders. In seiner Übertragung geht Antigone nicht in die »Grüfte der Toten« (kataskaphas thanontōn) ––– Hölderlin läßt Antigone ziehen in die Wildnis der Gestorbenen: »Doch einsam so von Lieben, unglückseelig, / Lebendig in die Wildniß der Gestorbnen / Komm‘ ich hinab.« Hölderlin übersetzt empathisch. Als Übersetzer leidet er mit Antigone. Und das unbekannte Land nimmt von daher Ausmaße an des Wilden. Eindrücklich lebt Hölderlin vor, daß Lektüre mehr bedeutet, als Ereignisse, Sachverhalte, die Schönheit einer Sprache, sozusagen zurückgelehnt im Ohrensessel, zur Kenntnis zu nehmen; Lektüre erweist sich im Sinne des Nürtinger Dichters als ein Eingetauchtwerden ins Leiden, als Teilhabe, als Mitausgeliefertsein ans Schicksal; der Leser gehört zu denen, die über die Bühne tanzen, durch den Staub des Lebens wirbeln. Mittrauern sowie die Feier des Tanzes. Lesen ist Atmen, Geborenwerden, Sterben, Auferstehn. Hölderlin fehlt das kühl Betrachtende. Daher sein Weg aus Philosophie/Theologie in die (handwerklich jedoch höchst geachtete) Dichtkunst. Hölderlins Christushymnen (Friedensfeier, der Einzige, Patmos) lesen sich wie das Evangelium selbst. Ach, »Wildniß der Gestorbnen« –––

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)