Der wunderschöne Straßenzug: Das Auge gewahrt einheitlich Jugendstilhäuser. Die Häuser wurden gebaut etwa zur Zeit, als Thomas Mann »Die Buddenbrooks« geschrieben; sie atmen alle noch, die übereinandergeschichteten Wohnungen, das 19. Jahrhundert. Damals bereits hat sich eine Macht, die wir heute »Künstliche Intelligenz« nennen, angeschickt, die Weltherrschaft zu erobern. Der Erste Weltkrieg war und ist ihr Manifest: Es geht um die Eroberung der Seelen, um Weltherrschaft, um jene Neue Tyrannis, deren Sieg vorherzusagen Friedrich-Georg und Ernst Jünger und Martin Heidegger nicht müde wurden. Aus spiritueller Perspektive möchte man an einen gigantischen Opferaltar denken, der wie Hölderlins Griechenland als Tisch im Mittelmeer steht (»Seliges Griechenland! …./ Festlicher Saal! Der Boden ist Meer! und Tische die Berge…«). Auf dem Altar wird Jesu Botschaft (die poetische Sprache der Barmherzigkeit, jener geistigen Freiheit, welche Natur, Universum und Menschenwelt und Gottesreich zusammenschaut und als Seele zur Sprache bringt) verbrannt, den Neuen Göttern, den Titanen, einer anonymen Künstlichen Intelligenz, dem apokalyptischen Tier des Abgrunds dargebracht. Darum auch fällt so viel Spott jetzt auf Jesu Jünger, die scheinbar allen technischen Neuerungen seit jeher ablehnend gegenüberstehen, ob es sich um Eisenbahn oder Auto gehandelt oder nunmehr um die digitale Welt geht ––– Wir werden auf das Kommende keinen Einfluß nehmen können – ob wir es verneinen oder vergöttlichen. Ob Ingenieur, Geistlicher, Bergsteiger, Philosoph oder Kassenwart, Königin des Moselweins – die Titanen werden herrschen über Gleiche, Vereinheitlichte; wir werden alle auf die Zahl (den Algorithmus) bis in die letzten Winkel der Wahrnehmung hinein reduziert werden. Bleiben wird während der Herrschaft der Titanen einzig das Aufschauen zu Christus wie der Blick auf die wunderbaren Liebespaare der Literaturen (der Blick etwa auf Almuth und Octave aus dem antitotalitären Roman »Wohin der schöne weiße Regen fiel«). Die Herrschaft der Titanen wird nicht ewig dauern.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)