Der 110. Psalm – die Christenheit hat ihn oft genug als Christuslied gelesen. In Vers 4 der Hinweis auf Melchisedek: »Ata cohen le’olam al-dib’rati mal’ki-zädäk / Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise des Melchisedek.« ›al-dib’rati‹ wird regelmäßig adverbial übersetzt: ›nach der Weise‹ – dabei übersieht man gerne, daß in der adverbialen Bestimmung das geheimnisvolle ›dabar‹, also ›das Wort‹ (griechisch logos) verborgen ist. In Melchisedek (der Hebräerbrief wird sagen, Christus sei ein ein Priesterkönig in der Ordnung des Melchisedek) deutet sich bereits der überzeitlich göttliche Logos an, als welcher Christus in den diesseitigen Kosmos eintreten wird. Melchisedeks Königspriestertum schenkt der Menschheit das überzeitliche Brot, das als Frucht von den Bäumen der poetischen Erkenntnis gepflückt wurde, als auch den in Gottes Mund wie in Fässern gereiften Wein (»Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus.« Gn. 14, 18). Vielleicht sollten wir die Herkunft der Jesusgaben Brot und Wein anderswo suchen als in der Tradition des Passahfestes; bzw. viel weiter hinausfragen über diese. Suchen wir nach Jesu Spuren in der Geschichte, finden wir wenig Weiterführendes. Er wäre dann einfach ein Prophet gewesen, ein bedeutender Lehrer, ein Liebender. Er hätte das Brot der Backstuben und den Wein der Flußtäler gebracht; nicht aber die Sakramente, das Königliche jenseits der Universen, jene Gesten, welche anderen Partituren gehorchen. Hölderlin hat in seinen Hymnen die Spur verfolgt, die zu Melchisedek hin-, über diesen sogar noch hinausführt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)