Was rechtfertigt das Festhalten an einem Begriff? Nach Heideggers gründlichem Abschied von der Metaphysik, die eine Weiterverwendung dieses Begriffs nicht länger rechtfertigen würde, muß ich doch, melancholisch lächelnd, zu bedenken geben, das kaum ein Wort existiert, das nachdenklicher, bei flüchtigem Ausstoßen von Zigarettenrauch, mit eleganterem Stirnrunzeln ausgesprochen werden kann. In den Achtzigerjahren war ich Landpfarrer in der Hohenlohe. In der Gemeinde lebte eine russische Exilantin. Nie werde ich vergessen können, wie sie in Hinblick auf einen Gedanken oder einen bestimmten Autor voller Ehrfurcht zu sagen pflegte: „Das ist metaphiiiiisisch!“ Das klang so schön. Darf ich einen Begriff opfern, weil er denunziert worden ist, das Recht scheinbar eingebüßt hat, aufzutreten auf der Bühne akademischer Philosophie? Würde die Art und Weise, wie eine russische Dame den Begriff in ländlicher Einsamkeit benutzt und ausspricht, über die Lippen diesen bringt, letztendlich doch eine Weiterverwendung ermöglichen? Dürfte ich es wagen, ungeachtet aller Verbote und jeden Naivitätsverdachts, gleichwohl zu behaupten, ich schriebe an einer metaphysischen Dichtung? »Wir werden nie den Staub von Sandalen schütteln dürfen / Es sind so viele Nächte eines Regens, die uns an diese Gassen fesseln / In irgend einer sechsten Kammer trinken wir den Tee / Und schwarzes Wasser wie auch Kummer.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)