Ich pflege die Duineser Elegien in einem wunderschönen Band aus dem Jahr 1955 zu lesen. Darin fand ich, als ich das Büchlein irgendwo (ich weiß gar nicht mehr wann und wo) erstanden, eine Postkarte, die das »Castello Duino« vor den Toren Triests zeigt; dort hat Rilke, vom Schaffensfieber geradezu ergriffen, einen Teil der Elegien (als ob sie ihm diktiert worden wären) niedergeschrieben. Die Postkarte ist aus dem Jahr 1902. Auf die Rückseite gestempelt der Text: »Jan Placák / Galerie Ztichlá klika / Antikvariát / Betlémská 10-14, 110 00 Praha 1 / tel.: 2222 0560 / (mit Schreibmaschine darunter:) Okt. 02 / Einzulegen an entsprechender Stelle / Werke RMR.« Melancholisch wehen sie mich an, die gestempelten Zeichen, die Zahlen und Buchstaben, die maschinengeschriebene Notiz. Die Postkarte ist wie ein Waldstück oder ein alter Stadtkern; ein Laken, das aus dem Fenster hängt einer anderen Zeit (der ich mich mehr denn je zugehörig fühle: ach, das Prag anderer Jahrhunderte; Kafkas Prag, die Maison Oppelt). Die Zeit ist nicht mehr fern, daß wir schließlich anfangen werden, die Duineser Elegien zu deuten, (in Bruchstücken wenigstens) zu verstehen; daß wir aufbrechen werden, diese Dichtung endlich zu lesen, ihre Botschaft zu verinnerlichen – was damit zusammenhängen wird, daß wir in Kirchen schlußendlich wieder große Predigten werden hören dürfen; Predigten, die den einzelnen sensibilisieren werden, über die Brotfrage hinauszudenken, nach einem Anderen zu fragen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)