Erdschichten vergleichbar, liegen Spaziergänge übereinander. Jeder Spaziergang zitiert all die anderen Spaziergänge eines Lebens. Die Spaziergänge der Kindheit, die Wege in den rumänischen Karpaten, das Hinaufgehen an der Argen, die Pfade, die ich im Maquis Londons abgeschritten – als ob man auf ein Bankkonto einzahlen und einzahlen und die Summe des Angesammelten unaufhaltsam wachsen würde. In allem findet die Wiederholung sich des paradigmatischen Spaziergangs vor allen Spaziergängen, das Hinaufklettern der Leitern, die ins Leben führen. In jedem Spaziergang liegt das vorgeburtliche Hinaufsteigen ins Licht des Irdischen. Darum der Eindruck auch, wir verließen mit jedem Spaziergang ein Haus, das nicht irdisch; jeder Spaziergang (ob wir auch bewußt ein Ziel ansteuern) führt (Teilstück einer langen Wanderung) vielleicht zurück in dieses Haus; es könnte durchaus sein, daß wir die Herberge nicht wiedererkennen werden.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)