Der biblisch-homerische Kreis wird tragisch zerschnitten vom Graben, der sich zwischen Göttlichem und Menschlichem aufwirft. Das alltägliche Leben kann nicht als banal empfunden werden, erscheint es doch jederzeit von einem Empfinden des Tragischen gesättigt. Wie aussichtslos und grausam auch immer das Leben, die Einsamkeit des einzelnen an die äußerste Grenze des Erträglichen gelangt (»Ich bin gleich wie ein Rohrdomel in der wuesten / Ich bin gleich wie ein Keutzlin in den verstöreten Stedten. Ich wache / Und bin wie ein einsamer Vogel auff dem dache.« Ps. 102, 7f.) ­– erlittener Seelenschmerz, Ohnmacht, wird sich ständig brechen an der Präsenz göttlicher Macht. Trivialität kann erst dort, außerhalb des biblisch-homerischen Kreises, auftauchen, wo der Graben zugeschüttet, das Gottgegenüber erloschen ist, »das Schiksaalslose« (Hölderlin) als Lebenswirklichkeit vorherrscht. Tragisches Denken setzt die Erfahrung der Gottgegenwart voraus. Der Verlust des sakralen Gegenübers verändert das Leben dahingehend, daß an die Stelle des Dialoges zwischen Gott und Mensch die Dualität von geistigem Adel und nichtiger Alltäglichkeit tritt. Diese Alternative herrscht bis auf den heutigen Tag; sie zu überwinden ist der eigentliche Antrieb allen künstlerisch-philosophischen Schaffens nach der Zuschüttung des Grabens. Wenn Nietzsche sagt, daß alle im Grunde Dichter sein wollen, gibt er zu verstehen, daß alle irgendeine Gestalt tragischen Denkens wiederzufinden bemüht sind – was ohne Offenbarung (ohne Handeln von Gott her) nicht wahr werden kann. Nach dem Ende der biblisch-homerischen Epoche (sprechen wir von ›Mizraim / Ägypten‹ und haben somit die Klammer um west-östliche Religiosität geschlossen) ist alles Hiersein ubiquitär durchwaltet vom Widerspruch zwischen geistigem Adel und »trivialer Ruchlosigkeit« (Gottfried Keller). Vorzeiten die Tragödie (in Gestalt auch der Liturgien: das Moment des Flehens wie der Anbetung); bis auf Weiteres die soap opera. Auf der Insel Patmos wartet die neue Offenbarung, ein Drittes, Neues, Anderes. Es braucht das dritte Auge des Glaubens, um zu verstehen (das Verstehen wäre ein Schauen mit den Augen des Patmossträflings). Das traumlose Auge erweist sich als blind.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)