Er stand auf dem Bahnhofsvorplatz seiner Heimatstadt. Nach zweijährigem Aufenthalt in Bordeaux war er zurückgekehrt. Er sagte: »Du wunderbarer Regen, wie liebe ich Dein streng gescheiteltes Haar.« Er trat den Heimweg an, ging durch die vertrauten Gassen und Straßen. Vor dem Elternhaus angelangt, in welchem er den weitaus größeren Teil seines Lebens zugebracht, begutachtete er die Jugendstilfassade, die ihn an die Wohnstatt erinnerte, welche ihm in Bordeaux als Unterkunft gedient. Im Begriff, die Haustür aufzuschließen, mußte er feststellen, daß sein Schlüssel nicht mehr paßte. Ob man das Schloß ausgewechselt? Er klingelte bei Mitbewohnern – niemand, der geöffnet hätte. Ratlos sah er zu den beleuchteten Fenstern hinauf; warum nur, wollte niemand ihm Einlaß gewähren? Endlich ging er ums Haus, kletterte auf den Balkon; dort vermochte er die auf den Hinterhof zeigende Glastür aufzubrechen. Angelangt nunmehr in den eigenen vier Wänden, konnte er sich ausbreiten, sich Tee kochen, eine Schallplatte auflegen, den Koffer auspacken, Schmutzwäsche in die Waschmaschine stecken. Er schien angekommen. Später faßte er den Entschluß, einen nächtlichen Spaziergang noch zu unternehmen. Zu seiner Überraschung lagen die Straßen menschenverlassen vor ihm. Eine solche Leere. Autos standen in den Straßen, die Türen bei manchen aufgesperrt; kein Mensch, den er hätte ausmachen können. Er lief schwer atmend durch die Stadt, ohne daß ihm eine Menschenseele begegnet wäre. Er lief und lief ­ – die Stadt schien vollkommen ausgestorben. Er eilte zum Fluß hinunter, gewahrte die ihm so vertrauten Vögel: die Kornweihe, den schwarzen Milan, die Rohrammer; die vielen anderen Arten, die Moorenten, die Möwen ––– Kein Gast, der auf der Terrasse des vertrauten Strandcafés vor einem Glas Wein gesessen hätte; einsam verloren die Tische und Stühle im Regendunkel. Wäre er auserwählt, der letzte aller Menschen zu sein? Er meinte, in seinen Augen habe Asche sich angesammelt (die Asche eines Märtyrers, den man, Jahrhunderte waren seitdem vergangen, auf dem Scheiterhaufen verbrannt). Er rief in die Leere hinein, wissend, daß niemand antworten würde.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)