Was erwarten wir an Zukünftigem? Als in den Türrahmen der Zeit Hineinmontierte sind wir ständig auf ein Kommendes wie auf das Kommende als solches bezogen. »Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft.« (Nietzsche, KSA 6, 348). Es stellt sich die Frage, wie wir angesichts eines solchen Ausgeliefertseins Würde bewahren können. Sofern ich einen Menschen darstelle (ihn zeige den Augen der Welt) – welche Haltung garantiert Würde am ehesten? Wie würde ich als Kunstschaffender den an die Zukunft ausgeliederten Einzelnen portraitieren? Ich zweifle keinen Augenblick und sage: Die eigentlich humane Weise der Darstellung verlangt, ihn als Lesenden vorzustellen. Keine andere Haltung erscheint mir vergleichbar würdig – der Leser erfüllt das Moment des unbedingt Humanen am intensivsten. Nicht von ungefähr gibt es in der antiken Orphik die Tradition, den Verstorbenen als Lesenden zu imaginieren: Lesend sitzt er im Totenhaus. Ausgiebig habe ich das Portrait betrachtet, das August Macke von seinem Vetter Helmut angefertigt; es zeigt den jungen Mann am Tisch sitzend übers Buch gebeugt, andächtig versunken in die Lektüre.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)