Lotte Lasersteins Gemälde »Abend über Potsdam« aus dem Jahr 1930 zeigt eine fünfköpfige Nachmittags- oder Vorabend-Gesellschaft auf einem Balkon vor der Kulisse der Stadt. Zwei Männer und eine Frau sitzen am karg und flüchtig gedeckten Tisch, zwei Frauen, die Rücken dem Betrachter zuwendend, stehen wie Engel zur Seite der um den Tisch Herumgeordneten. Unterm Tisch, vom lang herabfallenden weißen Tischtuch den Leib bedeckt, liegt ein deutscher Schäferhund. Das Bild ist schön. Die dargestellten Menschen sind schön. Die eigentlich nahe, vom Eindruck her eher entfernt sich hinbreitende Stadt ist schön. Der linke Engel betrachtet die ›ferne‹ Stadt, der neben ihr sitzende Intellektuelle stiert in die Luft, die ihm gegenüber am Tisch Ausharrenden, Mann und Frau, erscheinen ganz in sich selbst, in eine bedrückte, jeder Hoffnung bare Innenschau versunken und verloren. Im Tier scheint der Jagdinstinkt erwacht zu sein: Es hat irgend ein nicht sichtbares Ziel (die unsichtbare Bestie als großer Gegner?) ins Auge gefaßt. Der rechte Engel gießt aus dem Tonkrug Getränk in eine Tasse (in scheinbar konzentrierter Hingabe an diese Tätigkeit, dieses Tun). Das Gemälde bleibt in seiner unanfechtbaren Schönheit ein fremdes Tempeldach, eine bleibende Schlechtwetterwolke. In ihrer Sprachlosigkeit wirken die Dargestellten (abgesehen vom Tier, das seiner Animalität, will sagen seinem Unbeteiligtsein verschworen scheint) wie Tote – ausgeliefert einem Zustand der beharrenden Ewigkeit, in welchen kein veränderndes Moment eindringen könnte. Es sind die Toten der archaischen Zeit, auch wenn sie, mit elegant stilvollen Kleidern der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts angetan, einer Vielfarbigkeit gehören, welche von einem traurigen Umbra allgegenwärtig grundiert. Dem Betrachter vor Augen tritt der archaische Ruf, der vom ewigen Babylon, das ist die Höhlenmalerei, welche nie erfunden wurde, welche einfach da gewesen und da sein wird, herweht: »Weh, weh, du große Stadt, die bekleidet war mit feinem Leinen und Purpur und Scharlach….– denn in einer Stunde ist verwüstet solcher Reichtum.« Im Gemälde der Lotte Laserstein wohnen die Stimmen Kohelets, des Psalmisten, die Stimme der zuweilen unendlich zärtlichen Johannesapokalypse; fremd ist diesem großen Werk alles Wagnerianische; soll heißen: ein Dasein Verherrlichendes, welchem die Einsamkeit Jesu, sein Weinen über Jerusalem, sein Stehen an Ufer und Kohlenfeuer schlicht und ergreifend unbekannt. Potsdam in all seiner Schönheit, seiner Traurigkeit, seiner Verlorenheit im All; Potsdam, das wie eine leise Radiostimme, die schwalbengleich um Bleistiftstriche tief menschlichen Atmens und Ahnens tollt und turnt. Das Gemälde ist vollendete Kammermusik, fünftes Evangelium, Zeugnis des wunderbar armen dichterischen Geistes.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)