»Ach, Väterchen, warum nur zeigst Du Dich von Deiner geizigen Seite heute und gibst mir einzig dies mühsame Atmen und ein kaltes Licht?« fragte Hélène, nachdem sie Stunde um Stunde durchs Quartier gestreift, manchen Fremden einen unerwidert gebliebenen Gruß zugeworfen und zuweilen im Bistro das eine oder andere Tässchen schwarzen Kaffees getrunken. Überhaupt, mußte sie sich eingestehen, waren diese Botschaften der Kaffeebohne so etwas wie Briefmarken auf den Sendbriefen heimwehgequälter Augen. Ach, Hélène, so verbringst Du also deine Zeit. Anstatt, daß du dich nützlich machtest, Sprachen lehrtest (deren zahlreiche du ja mühelos beherrschst), in einer Armenküche die Tisch decktest, in einem modernen stolzen Büro vor dem Bildschirm säßest und dich (wie angedeutet nur eine Blüte auf dem Nacken) tätowieren ließest, frech und selbstbewußt gekleidet den avangardistischen Zeitgenossen gäbest und sehr frei, näselnd ansatzweise, irgendwelche halb verstandenen Begriffe aus der Fracht des englischen Sprachdampfers um dein Schreibtischstuhl flattern ließest ––– du könntest im Heer dienen eines der Rechtsstaatlichkeit verpflichteten Landes (sofern es ein solches noch gäbe auf Erden), du könntest an Universitäten lehren (wurdest du doch vorzeiten im Fach Altphilologie habilitiert). Warum leitest du keinen Kinderchor? Warum, Hélène, vergeudest du dein Leben? Du würdest antworten und fragen, ob man Zeit des Lebens überhaupt vergeuden könne. Eines Tages wird man auf deinen Grabstein schreiben: »Du hättest niemals / auch nur einen der Gefangenen besucht / und keinen Kranken; die Angelschnur / auch gar nie ausgeworfen; / hättest nach der Ruine / von Platons Sonne nimmermehr gegraben; / alles Wissen (wie überhaupt / der Wahn) ein kleiner / Abend Dir nur war, Irrsal / im Inneren der Garbe; hättest auch / kein Feldbett aufgestellt; / Trost gespendet niemandem zur Zeit der kahlen / Gärten ––– Du Dich vielmehr der dunkel- / blauen Beeren oft erinnert hättest jener / Herbste, die gegangen.« Hélène, so verbringst Du deine Zeit.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)