Erziehung – in den Höhlen bereits prähistorischer Zeit galt es, Kinder aufs Leben vorzubereiten. Wie Herd und Bett (das Lager der Nacht) gehört das Unterwiesenwerden in elementaren Dingen des Hierseins zum Inventar des Hauses über alle Epochen hinweg. An erster Stelle steht das Religiöse als Gefühl: Lerne aufschauen Kind, verliere dich nicht im Betrachten des Staubs vor deinen Füßen. Das Einstimmen der Seele auf ein neidloses Dasein, ein ständiges Überwältigtwerden vom Erhabenen in allen Situationen. Die Seele des Kindes darf nicht zu früh den Großwetterlagen der Ideologie ausgesetzt werden. Die Orientierung an einzelnen Persönlichkeiten gilt es vorrangig zu beachten; die Perspektive, daß ich im Leben nur dann werde bestehen können, wenn ich die Umrisse wie die innere Gestalt meiner Persönlichkeit erfaßt habe. Erziehung bildet den Einzelnen, hebt hervor das Jeweilige und Besondere, feiert den Namen des Menschen, umfasst behutsam, was von der göttlichen Welt mitgebracht wird an innerer Bestimmung für dieses Leben. Das wird in unseren Schulen vollkommen vernachlässigt: der Umstand, daß wir nicht leer und vereinsamt auf die Erde kommen, vielmehr Gehaltvolles, Prägendes bereits mitbringen, welches durch die Erziehung entfaltet werden soll. Wenn der Griff der Hebamme uns in den Tag hebt, finden auf der Tafel sich bereits Skizzen, Notate. Jeder Pädagogik zu Grunde liegt die Annahme, es sei ihre Tat, die Tafel zu beschriften; dagegen ihr Tun im Zeichen steht des Palimpsests. Kindheit ist Gnade; Erzieher sollten diese religiöse Ursprungskraft nicht zerrede, nicht verachten, nicht zerstören. »Ein leichthin sich verschenkend Wesen; Ankunft /einer unbestimmten Heiterkeit /von irgendher; / Lächeln das wie Neuschnee auf den Dächern einer nie besuchten Stadt; / Lächeln, das der Name eines Flusses wäre, / der in dir flösse, den du jedoch / noch nie gesehn.« (aus: »Was uns, nachdem wir dann verstorben, wird beschäftigen« ––– Dies Gedicht steht unter einem Pindarzitat – Isth. Ode VII, 17 – ; darin das Wort ›charis‹, gemeinhin mit ›Gnade‹ übersetzt. Martin Heideggers einsam schöne Übersetzung des Wortes GNADE: »das schenkende Leuchten der Anmut«).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)