Nietzsche hatte als bisher einziger den Blick dafür, daß die Herrschaftsverhältnisse sich grundsätzlich geändert. Alle Denkschulen, Universitäten, Institute denken Herrschaft, daran hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert, als Ergebnis von Reichtum und Besitz. Herrschaft verkörpere sich letztendlich im materiellen Vermögen und, entscheidend, in direkter Einflußmöglichkeit (militärische, großgesellschaftliche Entscheidungen mehr oder weniger autoritär, über welche Kanäle auch immer – Parlament, Militär, Industrie, Mafia – treffen zu können). Nietzsche Blick auf die Verhältnisse ist jesuanisch, monastisch, spirituell – insofern, als er eine eindeutige Zuordnung von Herrschaft ausschließt (es könnte auch der Bettler an der Macht sein, der Träumer an den Uferbänken, der Dichter, die Ballerina). Macht wird nicht identifizierbar in Gestalt eines einzelnen, einer Familie, einer Clique, einer Klasse. Macht kann in Gestalt von Armut, Besitzlosigkeit, Ohnmacht auftreten. Macht – ein irrationales Phänomen. Sie existiert – keine Frage; wer über sie verfügt, darüber zu bestimmen erweist sich als ausgesprochen kompliziert. Nietzsche meint, den 4. Stand an der Macht zu wissen: aber eben nicht verkörpert durch einzelne, sondern durch ein Lebensgefühl (unüberbietbar dargestellt in der 5. Vorrede des Zarathustra, im Bild vom ›letzten Menschen‹). Nietzsche begreift Herrschaft letztlich als theologisches (shakespeare’sches) Phänomen; will sagen: etwas Undurchschaubares; und letztlich werden diejenigen, die an der Macht sich wähnen, als Narren, als blinde Könige entlarvt. Woher kommt Herrschaft? Wer regiert?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)