Nach Jahren die Gelegenheit, wieder einmal in den Film über den kanadischen Pianisten Glenn Gould (1932-1982) hineinzuschauen. An einer Stelle der Bericht über eine Frau aus den Vororten von St. Petersburg zur Zeit der Neunzigerjahre. Man sieht sie am Fenster sitzen und hinausschauen. Draußen schneit es. Sie berichtet, daß sie nach drei Operationen an der Wirbelsäule unter ständigen Müdigkeitszuständen gelitten habe und schwermütig geworden sei; sie habe die Sprache nahezu verloren, habe nur noch stammeln können. Dann, so ihre Schilderung, unvermittelt, eines Abends der Anruf ihres Mannes, der unterwegs gewesen, sie möge doch das Radio einschalten, einen bestimmten Sender einstellen. Gegeben wurde »Das wohltemperierte Klavier«, gespielt von Glenn Gould. Das Spiel des kanadischen Pianisten habe sie geheilt. Sie habe wieder zu sprechen gelernt, der Mut zum Dasein sei in ihr wieder erwacht. »Gott hat mir das Evangelium gericht. In Gestalt der Klänge ist es in mein Leben gekommen. Ich hatte den Eindruck, Glenn Gould sei ein Mensch von außerirdischer Herkunft« –so ungefähr ihre Worte. Das Wesen des Geschenks durchwaltet tatsächlich unser irdisches Leben. Als höchstes Geschenk reicht uns Gott die Auferstehung. Immerzu hören wir den Vater der Grenze sprechen, den Tod; indes unsere Verstorbenen nur scheinbar in den Riedlandschaften des Todes verborgen sind; ihre Namen sind wie die unseren eingeritzt (Martin Buber würde sagen: eingegraben) in die Handflächen Gottes. Der Tod ist ein gerodeter Grenzstreifen, den es zu überqueren gilt. Wer könnte ausschließen, daß dort, nicht anders als im Leben, Gefahren uns erwarten (in dem Sinne, daß wir geduldig ertragen müssen womöglich, was wir doch allzugerne nur hinter uns ließen). Wir werden aber hinübergelangen. Es wird sich jedenfalls als hilfreich erweisen, ein Buch unter den Arm geklemmt zu haben, in welches man sich würde vertiefen können angesichts längerer Wartezeiten. Das Buch (die Schriftrolle) ist nicht nur in diesem Leben das Wertvollste. Im Buch erkenne ich den Passierschein schlechthin. Musica und Buch – die gewichtigsten Zeugen der Auferstehung.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)