»Geistvolle Menschen, die in Romanen Thomas Manns oder in Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ einen schillernden Auftritt haben könnten, sind so gut wie ausgestorben. Nicolaus Sombart, der heute siebzig Jahre alt wird, ist einer, der noch in die Dachstuben- oder Salongespräche jener Romanwelt passen würde. Aber die Romane werden nicht mehr geschrieben.« (Henning Ritter). Ich teile die Auffassung Herrn Ritters, die auf den ersten Blick zweifellos einleuchten möchte, gar nicht. Es gibt diese geistvollen Menschen wie auch die großen, weitläufig geistvollen Romane geschrieben worden sind oder geschrieben werden – nur geschieht alles im Verborgenen. Dem verborgenen Gott entspricht der verborgene Geistmensch. Allein, ein entsprechend Verborgenes wird wohl schwerer wiegen als alles derzeit Dargebotene, zur Schau Gestellte. Im Verborgenen webt mehr an Präsenz als im Offenbaren. Das in der Welt Verhüllte weiß sich auf Gottwirklichkeit hin geöffnet. Die im Verborgenen reifenden Entwürfe hoher eleganter Kunst schreiben sich, sollten sie den Augen der Hiesigen verborgen bleiben, gleichwohl ein ins »Buch des Lebens« (Ps. 139, 16). Das Offenbargewordensein des Christus steht für das unaussprechbare Geheimnis. Offenbarung kann nicht zum Gebrauch herangezogen werden wie ein Teelöffel. Nicht auszuschließen, daß der offenbar gewordene Jesus dunkler ist als die in Gott verborgene Sohnschaft. Wir feiern die Dunkelheit des Glaubens als Licht der Welt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)