Er saß grübelnd in seiner Jugendstilküche. Das Leben wollte ihm, sofern der Faden nicht doch früher durchtrennt würde, als ein jahrzehntelanges Treppaufsteigen erscheinen, ohne daß je die Möglichkeit, den Dachboden zu erreichen, sich auftäte. Als er der Bäckereiverkäuferin später diesen Gedanken unterbreitete, fragte diese augenblicklich und äußerst elegant, ob Sterben sodann ein Hinuntergehen durchs Treppenhaus oder etwa ein Nochhöherhinaufklettern bedeute – »über eine Jakobsleiter zuletzt«, ergänzte sie verschmitzt lächelnd. Auf dem Rückweg von der Bäckerei sah er ein Kätzchen sich wälzen in einer alten Pfütze und er mußte an Arthur Rimbauds Dichtung »Le Bateau ivre / Das trunkene Schiff« dann denken, an die von Paul Celan wundervoll übersetzten zwei Verse der vorletzten Strophe: »Und gäb es in Europa ein Wasser, das mich lockte, / so wärs ein schwarzer Tümpel, kalt, in der Dämmernis… «

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)