Die politischen Kräfte sind im Begriff sich neu zu ordnen (bzw. einem antik tragischen Chaos sich zu überantworten). Am Horizont bereiten Dinge sich vor, die uns bislang fremd; auf die, so sie denn einträfen, keine der bisherigen Antworten sich reimen würde. Die Karten werden neu gemischt. Politische Gesinnungen können ja bekanntlich wie Mäntel oder Umhänge ausgetauscht werden. Weil man nicht weiß (nicht wissen kann), was kommt – möge der Blick auf den Greueltaten des XX. Jahrhunderts ruhen bleiben, auf den Kriegen, den Lagern, den brennenden Städten, auf der Asche in den Augen der Ermordeten. Allen ist nach Vergessen zumute; allein, wir sollten dies Grausame, Vergangene nicht als Abgegoltenes beiseite legen, archivieren; sollten vielmehr auf die mahnende Stimme hören, die aus dem Jahrhundert der Wölfe aufsteigt wie Fahnen des Rauchs. Anstatt nur dafür sich einzusetzen, was die Leute bräuchten, Programme aufzulegen, die doch nicht verwirklicht werden können, gälte es, dessen eingedenk zu sein, was an Kulturbruch, an Frechem geschehn und wiedergeschehen würde. Es kann uns nicht nur am Aktuellen, an der Aktualität gelegen sein, an der Digitalisierung, bezahlbaren Mietpreisen – es ist zweifellos von hoher Bedeutung, für ein einigermaßen anständiges Lebenkönnen zu streiten; vergessen werden jedoch darf nicht, Europa zu rüsten für »neue intellektuelle und künstlerische Entdeckungen« (Milan Kundera). Können wir das Abenteuer des europäischen Geistes fortsetzen? Nicht nur auf das Nationale bauen. Anstelle der ewigen Bilder eines besserwisserischen parlamentarischen Zerredens und Wiederkäuens der Ereignisse sich, ohne die Parlamente zu verachten, eher auf Johann Gottfried Herders »Briefe zur Beförderung der Humanität« besinnen, diese wieder und wieder studieren (die ungeheure Bedeutung Herder’scher Gedanken für ein Europa der Menschenwürde, des Lächelns, der Wertschätzung des Denkens und Kunstschaffens herausstreichen), das Individuum dem Lärm der Horden entgegenstellen, die Stimme hören der Lyrik (das nicht funktionalisierbare Atmen dieser wild an den Rändern entlangstreichenden, streundenden Katze!), das Erhabene des Christusantlitzes würdigen. Ohne die Schönheit und Traurigkeit dieses Antlitzes werden wir im Sumpf ertrinken der Banalität und kommender Hinrichtungen. Johann Albrecht Bengel schrieb: »Ad adorationem tota religio potest reduci / Letztlich ist Anbetung der Kern aller Religion.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)