Der aristotelische Traum einer ewigen Ausgewogenheit der Temperamente (einer „mesotes / Mitte“, in der Nikomachischen Ethik über Seiten hin beschworen, welche weder Übermaß noch Mangel) kann der Wirklichkeit nicht genügen. Hitzegewitter oder Frost bestimmen unser Hingehn, das ein Wandern, von einem Tag zum andern, bestimmen unser tätiges Leben wie unser lächelndes oder weinendes Ausharren an Rändern und Ufern vor sich hindämmernder Modernen, im Abend verglühender Städte. Weil es keine Mitte gibt im Universum, weil Blitzschlag, Hagel, Dürre, Erdrutsch, Sumpf, Verwesen das alltäglich ewige Verströmen bestimmen von Zeit (und auch die Augen blenden des Sonntags) – darum ist Christus gekommen, zu sterben, für uns zu sterben. Wäre eine Ausgeglichenheit großgeschrieben, mildes Lächeln des Seins und nicht die Fratze, verängstigt – Christus wäre ausgeblieben, hätte Gehöft und Anwesen des Vaters nie, niemals verlassen. Sein Opfer besänftigt das Seufzen der Verzweifelten.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)