Unermüdlich das Tosen des Winds in nordischer Nacht. Und Schwarzmantel der Meere über die Schultern geworfenen des einsamen Spaziergängers. Wir haben jedes Verständnis dessen, was Familie darstelle und bedeute, verloren. Im Brief an die Epheser findet sich das platonisch-kosmische Verständnis einer seelischen Hierarchie: Daß der einzelne im Familienganzen dem jeweils anderen keinesfalls zwanghaft, in freier, heiterer, liebender Hingabe jedoch, unterworfen, unterordnet sei. Die Familie wird als Arche gedacht, welche, hintreibend durch die Tage, uns birgt vor der ewig düsteren und eisigen Weite des Universums. Die Familie ist eine Kammer, in welcher leise gesprochen, wo der einzelne nicht verletzt, vielmehr umsorgt wird; ein gewalt-, ein angstfreier Raum der Barmherzigkeit, des leichten Atmendürfens. Es ist Gnade, Familie dergestalt erleben zu dürfen. In besonderer Weise zeichnet Robert Walsers Roman »Der Gehülfe« die Familie als mild sehnsüchtige Wandmalerei, vor deren Milde und schmerzlich melancholisch belächelter Harmonie Biographien zerbrechen. Der in Herisau vollständig vereinsamte Robert Walser sitzt in der Nervenheilanstalt, spaziert durch das Vogelgezwitscher der Voralpenwelt, trinkt Bier in Romanshorn zum Wiener Schnitzel und schreibt so schön, wie vor ihm und nach ihm niemehr jemand geschrieben hat. Die Kunst nach ihm, nach Robert Walsers verschwiegenem Werk, viele Filme vor allem, haben der Familie als solcher nichts mehr abgewinnen können. Gezeichnet werden nur noch Karikaturen eines vormals feinsinnigen Epheserbriefentwurfs. Familie wird, in vielen Fällen zweifellos zu Recht, als Käfig emotionaler und oft genug auch sexueller, mißbrauchender Gewalt entlarvt. Die Kunst als solche tritt als Kläger auf. Ihr Tun ist ein Entlarven. Wo aber das Rühmen? Wo erreignet sich diese ursprüngliche Psalmen-Schönheit eines Klagens und Rühmens? Wo?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)