Weisheit, wie sie im Alten Testament gepriesen und verherrlicht und als gottgeschenkte dem Menschen anempfohlen wird, schärft unseren Verstand. Weisheit schenkt Freude am Leben. Weisheit schenkt Erkenntnis über die Dinge der Welt und das Göttliche. Das Buch Die Weisheit Salomos sagt von der Weisheit, sie sei »die Werkmeisterin aller Dinge« (7,22). Der Gedanke, daß alle vom Menschen hervorgebrachten Dinge (auch die modernen Erfindungen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz) letztlich einem Ur-bild, welches in Gott ist, entsprechen. Erfindungen, Entdecken sind ein Nachsprechen von dem, was in Gott bereits angelegt ist. Hochinteressant! Weiter ist von der Weisheit gesagt, in ihr wohne (ich zitiere) »ein vernunftvoller, heiliger Geist, einzigartig, mannigfaltig und fein, beweglich, klar und unbefleckt, zuverlässig und unverletzlich, dem Guten zugetan und kraftvoll, unhemmbar, wohltätig und menschenfreundlich, beständig sicher und sorgenfrei, allvermögend, allsehend und alle Geister durchdringend« (7,22). Die Weisheit sei »Abglanz des ewigen Lichts, ein fleckenloser Spiegel göttlichen Wirkens, ein Abbild seiner Güte« (7,26). Weisheit lehre »Mäßigkeit und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, die ja für die Menschen die wichtigsten Dinge im Leben sind« (8,7). Weisheit »durchwaltet das All aufs beste« (8,1). Darum sagt der König Salomo von sich, er sei »ein Liebhaber ihrer Schönheit« (8,2). Die Erkenntnis der Weisheit macht demütig. Gläubig aus der Weisheit heraus leben zu dürfen verführt nicht dazu, stolz und überheblich aufzutreten. Der weisheitlich-gläubigen Existenz eignet nichts Triumphales. Ich glaube, man sollte nicht von der Überlegenheit des Christus-Wissens ausgehen. Paulus sagt, er sei zur Gemeinde nach Korinth in Schwachheit gekommen, »in Furcht und mit großem Zittern«. Paulus hat nicht gesagt: »Schaut mal, wie überlegen und toll dieses Wissen über den Grund aller Dinge ist.« Nur der wirklich stille, konzentrierte, nachdenkliche Mensch kann solches Wissen nachvollziehen. Das ist der Ort des schwäbischen Tüftlers und Grüblers. Allen großen Kunstwerken eignet in diesem Sinne eine Haltung der Demut. Die Werke kommen aus der inneren Stille. Groß und leuchtend sind sie dadurch, daß sie, über alles Sichtbare hinaus, zeigen können, wie der Mensch ein durch den Kosmos wanderndes Wesen ist und seine Bestimmung nicht im Alltäglichen findet. Wir haben eine höhere Bestimmung. Wir kommen von woanders her und wir gehen woanders hin. Auch der ganz großen Religion eignet eine vergleichbare Haltung der Demut. Paulinisch- evangelisches Christentum repräsentiert zweifellos eine der höchsten Formen religiösen Denkens überhaupt. G.F.W. Hegel war davon überzeugt. Aber das wird man niemandem unter die Nase reiben. Man wird immer nur den Auferstandenen ins Gespräch bringen wollen ––– vielleicht mit ganz einfachen Worten. Man wird stets ein zitternder, furchtsamer, schwacher Mensch sein; man wird mit weisheitlichem Christuswissen gar nie angeben wollen ––– gerade weil man um die Höhe und das alles Überragende der Weisheit und des Christus weiß. » Aber was sind Städte? / Vielleicht ist ein Grashalm genauso Vorstadt wie Zuffenhausen oder Feuerbach? / Wer weiß? / Die Orte des Lebens verschwimmen im Traum und Taumel der Jahre.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)