Mit dem Aufschlagen und Öffnen der Augen in der Morgenfrühe, nach einer Zeit des Vergessens, die der Schlaf zuweilen schenken kann, beginnt für so viele Menschen das Ausgeliefertsein an eine Grundstimmung der Bitterkeit. Als ob alles nur dazu da wäre, widerlegt zu werden. Die Moderne (und alle Flüsse, die aus dieser Quelle gespeist werden) ist die schlechthinnige Gnosis. Ich kann dieser Aussage Eric Voegelins folgen. Aus einem Geist der Kritik heraus zu leben (und eben nur daraus) bringt den Einzelnen in ständige Opposition zur Wirklichkeit. Was fehlt, ist das Moment einer tiefen Dankbarkeit dem Sein gegenüber. »Mein erst Gefühl sei Preis und Dank« – wehe, wer diese grundsätzliche und erste Dankbarkeit fürs Hierseindürfen nicht allmorgendlich wahrnehmen darf, wer die offene, empfangende Hand nicht als Allererstes, wer sogleich der geballten Faust sich verschworen weiß ––– wehe, wer dieses ursprüngliche Blühen in allem als fremd und verächtlich zurückweisen muß, der ist verloren; die Bitterstoffe mischen sich von frühester Stunde an in die erlebte Zeit. Vielleicht muß es Kant als Versäumnis angelastet werden, daß er das Bejahen eines gottgegebenen Daseins als ein Selbstverständliches vorausgesetzt und nicht unablässig darauf hingewiesen hat. Der aufklärerische Geist setzt tatsächlich voraus ein erst Gefühl von Preis und Dank. Warum denn Beten vor dem Essen? O Gott, das Verständnis der elementarsten Einsichten ins irdische Sein ist uns abhanden gekommen. Voller Verbitterung und Morosität schütten wir zynisch den ersten Schluck Kaffee des Tages in den Schlund, der immer nur verzehren und fressen möchte; und dies Zugreifen und Fressen und Sich-in den-Mittelpunkt-Stellen unablässig kennt nicht mehr das leise Empfinden, Welle zu sein, ans Ufer getragen, sanft über die Sandbank hinweg gespült zu werden; daß wir aus dem Ruf heraus leben und uns nicht selber ins Dasein rufen! Knechte eines Verstimmtseins bzw. eines zwanghaft an den Tag gelegten Frohsinns (Echo eines ewigen Unsinn-Plapperns), haben wir jede Würde eingebüßt! Dieser tatsächlich gelebte, unbewußt in uns groß gewordene, von wem auch immer gezüchtete Nihilismus (der davon ausgeht, der Einzelne sei Grund und erste Ursache seines Waltens, der vergessen, daß wir geboren worden sind und allein schon von daher einer geschenkten, gesegneten und bleibenden Passivität gehören) – dieser Nihilismus taucht alles ein in die dunkle erste Bitterkeit des Tages. Daran, daß wir aus einer staunenden Dankbarkeit heraus, auch als um Aufklärung ringende Einzelne, als kritische Geister durchaus, zu leben hätten, erinnert Jesus, wenn er sagt: Wehe, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…Schönheit kann nur empfinden, wer um’s Gerufensein weiß. »Mein erst Gefühl sei Preis und Dank« ––– alles andere geschehe später! In jeder Geste, in jedem Sprachpartikel, in jedem Gedanken, jedem Gruß und in jedem Abschied, in jedem sich ausatmenden Müdesein möge dieses Hoch-Gefühl, jemandem zu gehören und nicht alleine alles sich unterwerfen zu müssen, weben und leben und da sein. Das Gedicht DRAMATURGIEN DES WINDS sagt: »Bäume, die aus den Augen sich verloren, dürfen, / Wie nach Dunkelheiten, in die Fremde hinein rufen; / Bäume entziffern Schriftzeichen des Winds.« Auch darf an dieser Stelle Ralph Waldo Emerson zu Wort kommen: »Dem Dichter und Weisen sind alle Dinge befreundet und geweiht, alle Ereignisse nützlich, alle Tage heilig, alle Menschen göttlich.« Im Grunde kreist mein ganzes Denken um diese ursprüngliche Dankbarkeit, die weiß, daß ein Heiliges immerzu dem Begriff ›Anfang‹ eingeschrieben.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)