Am 12. November 2012 erwähnte ich bereits eine wunderbare Stelle im Werk Louis-Ferdinands Célines. In seinem Roman »D’un château l’autre / Von einem Schloß zum andern« kommt er auf eine dänische Hündin zu sprechen, die aus den eisigen Landstrichen Dänemarks stammend, nunmehr durch die milden Wälder um Meudon streunte, bis sie eines Tages, im französichen Exil gewissermaßen, an Krebs starb. »…ich wollte sie aufs Stroh legen…gleich nach Tagesanbruch…sie wollte nicht so hingelegt werden…sie hat es nicht gewollt…sie wollte an einem anderen Platz liegen…an der kältesten Stelle des Hauses und auf den Kieselsteinen…sie hat sich nett hingelegt…sie hat angefangen zu röcheln…das war das Ende…man hatte es mir gesagt, ich habe es nicht geglaubt…aber es stimmte, sie lag in der Richtung der Erinnerung, woher sie gekommen war, aus dem Norden, aus Dänemark, die Schnauze im Norden, nach Norden gerichtet…die auf eine Weise sehr treue Hündin, den Wäldern treu, in denen sie herumgestromert, Korsör, dort oben…auch dem qualvollen Leben treu…die Wälder von Meudon sagten ihr nichts…sie ist nach zwei-, dreimaligem kurzem Röcheln gestorben…oh, ganz zurückhaltend…ohne im geringsten zu klagen…gewissermaßen…und in einer wirklich schönen Stellung, gleichsam weit ausgreifend, herumstromernd…aber auf der Seite, kraftlos, erledigt…die Schnauze nach den Wäldern zum Herumstromern gerichtet, da oben, wo sie herkam, wo sie gelitten hatte…weiß Gott! Oh ich habe viele Todeskämpfe gesehen…hier…da…überall…aber bei weitem nicht so schöne, zurückhaltende…treue…was beim Todeskampf der Menschen schadet, ist das Tralala…« In der Grundschule (in der Volksschule, wie man damals noch sagte), hatte ich einen Kameraden, den ich des öfteren zu Hause besuchen durfte. Unvergessen sein Vater, den ich heute noch vor mir sehe; und selten ist mir im Leben ein vergleichbar trauriger Mensch begegnet. Er war der Inbegriff der Trauer, eines tiefen Niedergeschlagenseins. Er fühlte sich im Süddeutschland der Sechzigerjahre dermaßen fremd, sehnte sich nach seiner Heimat, den weiten böhmischen Wäldern, den Wäldern Adalbert Stifters; den Wäldern um die Moldau; dort war er fast bis Kriegsende Förster gewesen, hatte im einsam gelegenen Forsthaus gewohnt – nun aber die Arbeitersiedlung, den täglichen Frondienst in der Fabrik. Seine Familie, die Frau, die Kinder, vermochte ihn nicht zu trösten. Zusammengesunken saß er, ergriffen von einer wilden Sehnsucht nach Böhmen, nach dem Forstamt, dem Ruf der Moldau hingegeben, vor sich hin schweigend, auf dem Küchenstuhl. Immer, wenn ich über die dänische Hündin aus » D’un château l’autre« nachsinne, muß ich an ihn, den ehemaligen Förster, denken, der im schwäbischen Exil, in einer Arbeitersiedlung Ludwigsburgs, an Krebs zugrunde gegangen. Auch er soll klaglos gestorben sein (würdig, dem Ruf ergeben vielleicht, wie der alte neapolitanische Fürst in »La pelle«, dem Roman aus der Feder Curzio Malapartes). So viele Begegnungen während eines Lebens; wir vergessen die meisten. Einige wenige bleiben unzerstörbar wie die Rose der Auferstehung in unserem Gedächtnis. Erinnerungen dieser Art lassen denken an die Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl. Diese, die Worte, die der Christus gesprochen am Vorabend seines irdischen Todes, stehen für die Macht der Erinnerung und des zu Erinnernden. »Tut dies zu meinem Gedächtnis«. Unendlich oft gesprochen, so oft gehört – sie klingen stets, die Einsetzungsworte, nach einem ganz neuartig in unserem Gedächtnis aufleuchtenden Stern. Die Erinnerung an den traurigen Vater auf dem Küchenstuhl , den ehemaligen böhmischen Förster, darf gleichermaßen als der ein ums andere Mal aufleuchtende Stern gedeutet werden. Erinnerungen gibt es, die wie ein Strom durch unser Leben fließen, die von Gott herkommen, zu ihm hinführen; Erinnerungen, die bei uns bleiben wie eine Mutter in den Tagen der frühen Kindheit; Erinnerungen, die wir mit ins Sterben hineinnehmen, die uns vor Gott, vor den Richterstuhl Christi, hinführen werden; Erinnerungen, welche Bestandteil sein werden des Ewigen geistigen Lebens.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)