Die gottesdienstliche Liturgie der orthodoxen Kirchen des Ostens kann mit einem Sinphonieorchester verglichen werden – der einsame Gottesdienst der evangelischen Kirchen erscheint dagegen, tief verstanden, als Kammermusik. Dort die Vielzahl der Instrumente und Stimmen, der Taktstock; die evangelische Winterlandschaft offenbart dagegen den minimalistischen Klang eines kleinen Ensembles; die Instrumentalisten brauchen den Mut zur Einsamkeit, vollkommene Hingabe an die poetische Virtuosität des vorgegebenen Textes aus der Heiligen Schrift. Was Nietzsche über Bizet schreibt, trifft den Kern des gottesdienstlich Evangelischen: »Diese Musik scheint mir vollkommen. Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht. Das Gute ist leicht, alles Göttliche läuft auf zarten Füßen…« Diese Musik (und insofern der evangelische Gottesdienst) »nimmt den Zuhörer als intelligent, selbst als Musiker«; sie gebe sich, so Nietzsche, »…ohne Grimasse! Ohne Falschmünzerei! Ohne die Lüge des großen Stils.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)