Die Kormorane haben meinen Baum verlassen, sind hinübergezogen auf die andere Seite des Rheins. Gleichwohl bleiben sie, die dunklen Vögel, die das Weiß verbergen des Leibs, Boten des Todes. Die Dämmerung, die heute den ganzen Tag über geherrscht, hat unablässig ihr beckett’sches Grau, das ich so sehr liebe, in immer neuen Farbschichten aufgetragen, damit ja nur kein Strahl durchscheine von der anderen Welt her. Ach, wie oft habe ich, Pfarrer einer Kirchengemeinde, gelehrt, was ich von den Jahren an der Universität mitgebracht: Daß man von diesem irdischen Leben her mitnichten schließen könne auf das andere, ewige Leben, das Sein der Auferstehung; daß ein totaliter aliter, ein ganz und gar anderes für jene Welt des gottgeistlichen Reiches zu gelten habe. Seitdem ich zum vollkommenen Spaziergänger und Flaneur geworden, auf keinerlei Weise mehr mich eingebunden wüßte in ein System, empfinde ich, die weiten Wege des Hingehns, des allergeduldigsten Betrachtens der Dinge, haben mich erzogen, den Zusammenhang, die Einheit der geistigen und physischen, der jenseitigen und diesseitigen Welt. Mehr denn je gehöre ich den wunderbaren Versen meines großen Lehrers: »Die Linien des Lebens sind verschieden / Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen. / Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen / Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.« (Hölderlin, An Zimmern) Ich bin überzeugt (in diese Überzeugung eingetreten wie in einen festlich hergerichteten Saal), daß das jenseitige Leben mit dem diesseitigen verbunden ist im hölderlinschen Sinne einer Ergänzung; daß wir dort auf die Menschen treffen, die uns hier begegnet, daß die Bilder wiederkehren, die Stimmungen, die Ereignisse – verändert (ergänzt) zwar, aber wiedererkennbar. Jesu Leib ist die Brücke, die die »Räume« (die zeitüberblühten Kammern der Sphären) zusammenbindet, ineinander fügt. Im Grunde ist der Gedanke des Lehrers, der Gedanke einer Ergänzung, schwerer zu fassen und rätselhafter als das allgemein Übliche, das allzuoft, ubiquitär Gelehrte des ganz und gar Anderen, des totaliter aliter.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)