Es war, als ich den Novembermantel getragen, dessen Tuch hinüberspielt vom Ocker ins Anthrazit, daß ich, o nachmittäglich die Stunde, seelenmutterallein im Café gesessen über der Mosel, im Café der Kunstakademie der Stadt Trier – und ich die Freiheit genossen, schauend über das Hingehn der Mosella, schweren sizilianischen Melancholiewein zu trinken. »Salve, amnis, laudate agris, laudate colonis…/ Sei gegrüßt, Strom, gerühmt von den Fluren, gerühmt von den Bauern…« (Decimus Magnus Ausonius) Also verweilend in der Kaffeestube über der Stadt, sind solche Augenblicke, in welchen man gegebenenfalls Unabhängigkeit dankbar tief empfinden darf (eingebunden in kein System, in kein Denken, keine Religion; in vollkommener Freiheit hingegeben, gläubig tief, dem auferstandenen Jesus) äußerst wertvoll. Ich mußte an die eingekerkerten Dichter, Philosophen, Journalisten, Tänzer, Filmemacher denken. Die Tyrannis baut Mauern um den unruhigen Geist; sie spürt genau, von wem Gefahr ausgeht. Blind und dümmlich in sich, gestützt auf illusorische Macht, schlagen sie um sich, die Tyrannen – bei aller Willkür des Schlagens ahnen sie, daß sie die eigentlich Unschuldigen, die freien Geister, treffen, ausschalten müssen. Der Tyrann wird sterben. Auf dem letzten Lager wird seine ausgestreckte Hand ins Leere greifen. Er wird nach der Mama rufen. Der Fluß aber wird in gebotener Stille seinen Lauf durch gewundene Auen nehmen. Der Name des Tyrannen wird vergessen sein, wenn die Mosel von anderen Flüssen besungen und gepriesen wird: »Dich wird die Drôme verehren, dich die Durance, die ungewissen Laufs ohne feste Ufer fließt; auch Alpenflüsse werden dir huldigen und die Rhône, die durch die Doppelstadt fließt und dem rechten Ufer (von Arles) ihren Namen verleiht; dich will ich blauen Seen empfehlen, dich mächtig rauschenden Strömen und auch ihr, die dem Meer gleich wallt, der Garonne.« (Ausonius)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)