Die erste weitere Wanderung des Jahres. Nie zuvor, daß ich eine Gabelweihe aus nächster Nähe längere Zeit vergleichbar genau hätte beobachten können. Der Vogel zog wenige Meter über der Bank, auf der ich mich niedergelassen, auszuruhen, seine Kreise; immer wieder flog er über mir: Das Farbgefüge der Flügel ließ an das Gewand eines sächsischen Fürsten aus der Lutherzeit denken. Vielsprachig um den roten Milan her die Wetter. Es war ein Lachen in der Luft, welches das Tun der Menschen (deren intellektuelle, politische, ökonomische Arbeit) zu verachten schien. Angesichts des Fluges wirkt unser Denken so klein, so mühselig. Was die Einzelnen beim Anblick des Vogelflugs seit jeher empfunden: daß vergeblich der Bau unserer Städte. Überm Flug indes der Gabelweihe auch stehen die Großbuchstaben des Du-mußt-Sterben; wie umgekehrt Städte schön sein können; ihrem Erbautwordensein ein Leichtes, Gleitendes, Epochenübergreifendes innewohnen kann. In allem ist Jesu Sterben, in allem der Glutkern der Auferstehung. Die Augen der Vögel wie die der Menschen dürfen als Weinberge beschrieben werden. Es wird gepflanzt, es gibt Wachstum, Pflege der Reben, Beeren in der Farbe der Gewänder. Unwetter und Frost kreisen wie Raubvögel über Weinstöcken, über Mauern, über Staffeln. Ein heiterer Gott wird die Ernte einbringen. Nie zuvor, daß ich eine Gabelweihe aus nächster Nähe längere Zeit vergleichbar genau hätte beobachten können. Nachts bin ich durch den Regen gegangen einer immer noch entschieden mittelalterlichen Stadt. Die Lichter scheinen für die Menschen, daß die ihren Weg nicht verlieren im Gemenge der Gassen und Einsamkeiten und Katastrophen ihrer Biographien. Allenthalben hört man ein Flugzeug seine Kreise ziehen vor der Landung in Zürich. Wer, der die Gabelweihe sähe über allem Leben?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)