Teeaufguß aus mediterranen Kräutern. Also kommt die Flora der Provence mich besuchen; ich vernehme die Stimme akaziengesegneter Wiesen, kiefernbewaldeter Hänge, des hitzetrunkenen Steins, Petrarcas Schritte, wie die widerhallen auf Avignons Pflaster des 14. Jahrhunderts. Es sind Kräuter und Pflanzen, die herbeiwehen, was nie untergegangen, was wir einfach nur vergessen, weil wir ausschließlich an diesen kleinen Ausschnitt von Hiersein, diesen Sandkasten der Grundrechenarten, uns klammern; den Atem aber, den göttlichen Atem, der wie Adern des Blattwerks unsere Seelen gliedert, nicht verspüren, den großen Windhauch. Wir haben aufgehört zu atmen, auch wenn wir fortleben, die Hast der Schritte uns hierhin und dorthin trägt. »…die fortwährende Schwebe und Gefahr der Zeit lassen mich zu keiner Stelle kommen, von der aus ich schreiben dürfte.« (Rilke, 7. X. 1918). Wir haben aufgehört zu schreiben, auch wenn die großen und kleinen Bildschirme vor Buchstaben überfließen ––– »Unsere Zeichen sehen wir nicht /und kein Prophet prediget mehr / Und kein Lerer leret uns mehr.« (Ps. 74,9). Analphabeten, die wir geworden, ist es an uns, das Buchstabieren wieder zu erlernen (das Betrachten, das stille Spazierengehen in Gärten um Bankhochhäuser und Favelas, die Stimmen der Gräser zu erlauschen, wie die auf rissige Erde tropfen, das Gleiten zu beobachten der Gabelweihe durch die weiße Luft, den Postboten zu grüßen, der die Briefe bringt). »…stund er vom Abendmal auff / leget seine Kleider ab / und nam einen Schurtz / und umgurtet sich. Darnach gos er Wasser in ein Becken / hub an den Juengern die Fuesse zu Wasschen / und trucknet sie mit dem Schurtze / damit er umbguertet war.« Wer, der verstünde, was Jesus getan (wieviel Sagen und Wort in seinen Gesten)?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)