Samuel Beckett hat ins Altersheim, letzter Ort seiner irdischen Existenz, nur ein Buch, so wird es überliefert, mitgenommen: Dantes ›Göttliche Komödie‹. Ob er auch im ›Paradiso‹ geblättert, ob er sich in der Dauerlektüre von ›Inferno‹ und ›Purgatorio‹ verloren? Zweifellos darf die dritte Sphäre, das ›Paradiso‹, als anspruchsvollster Teil gelten des ohnehin kaum auszudeutenden Werkes. Wir dürfen nicht im Dunklen nur stochern – vielmehr auch die Bücher öffnen des Lichts – und es gibt sie, die Zeugnisse der ewigen Welt; die im übrigen, mehrfach habe ich das Phänomen umkreist in diesen Tagebüchern, nicht ohne Bezug gedacht werden kann zu unserer hiesigen Zeit(vgl. eines der ergreifendsten und leisesten Gedichte überhaupt: Die »Symphonie de Novembre« von O.V. de L. Milosz: »Ce sera tout à fait comme dans cette vie. La même chambre…./ Es wird ganz wie in diesem Leben sein. Das gleiche Zimmer…). Zufällig wurde ich gestern Abend Zeuge einer Fernsehsendung, in welcher Politiker und Personen der öffentlichen Welt über irgendwelche Tagesereignisse gehandelt. Wie weit diese einzelnen entfernt sind von der Welt unserer Poesie! Dem homo religiosus ist es gegeben, auch im Falle, daß er in dieser öffentlichen Welt zu wirken hat, nie völlig darin aufzugehen, daß eine Distanz bleibt, er um das Andere weiß, um die wahre Herrschaft; darum, daß irdische Herrschaft stets nur »Brettspiel«, nur »Knabenregiment« sein kann (Heraklit, Fragment Nr. 52). Der homo religiosus lebt zuerst aus seinen Träumen, aus seiner poetischen Vergangenheit, seinen Gesprächen mit Christus: Träume »entfalten nicht die Hieroglyphenschrift der Zukunft, sondern stammeln das nächtliche Alphabet unserer authentischen Vergangenheit.« (George Steiner) Zuallererst die jesuanisch ausgeleuchtete Kammer des Traums; alles andere folgt später. Wie leer wäre die Welt ohne die Distanziertheit, die Melancholie, den Humor des religiösen Menschen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)