Jahrzehnte der Lektüre; durch so viele Bücher geschritten, gelesen und gelesen – es kommt vor, daß ich vom Eindruck überwältigt werde, ich hätte alles vergessen, was ich jemals gelesen, hätte jede Orientierung verloren, sei einer vollkommenen Leere ausgesetzt, von einem großen Vergessen heimgesucht worden. Besagte Leere unterstreicht eine letztendliche Nichtigkeit unseres Wisssens; läßt mich niederknien und aufschauen. Alles Denken und Wissen sollte sich ein ums andere Mal in Frage stellen. Wie wichtig auch immer die Bedeutung der Neugierde sich ausnimmt – man darf, was die geistige Welt anbelangt, nicht allzu ehrgeizig sein. »Ehrgeiz ist der Tod des Denkens« betont Wittgenstein. Wichtig in diesem Zusammenhang auch das Wort des Salvador Espriu: »Defuig els ulls que saben / Die Augen meide, welche wissen«. Das Empfinden, alles vergessen zu haben, blind herumzuirren im Labyrinth des Bücherwissens, öffnet unsere Hände und läßt uns greifen nach der Christusgegenwart. Ich muß lesen, denken, grübeln, Gedanken niederschreiben, in Hingabe leben an die Dichtkunst; gleichrangig indes ein solches Abstürzen und Fallen. Es bedeutet viel, wie Beckett sagen (bzw. schreiben) zu können: »Ich bin kein Intellektueller.« Heute Nachmittag, beim Spazierengehen, gewahre ich junge Menschen, die, auf Ufermauern ausharrend, Bier trinken und laute Musik hören (deren Körperhaltung monotone Rhythmen nachgestaltet). Das erweckt in mir die Sehnsucht nach den alten wunderbaren Chorälen der evangelischen Kirche. Wäre ich weniger scheu und schüchtern – ich würde vor diese im Lärm Ertrinkenden hinstehen und anstimmen den hohen Gesang: »Wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht, wo aus noch ein…« Wie sie reagieren würden? Von allen Seiten hört man dieser Tage, wie zerrissen unsere Gesellschaft sei. Ich kann das nur bestätigen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)