Nachhaltig die Erinnerung an eine Veranstaltung der anfänglichen Achtzigerjahre in einer damaligen Tübinger Buchhandlung, welche, außerhalb des Altstadtkerns, direkt am Neckar gelegen, in einer alten Villa untergebracht war. Efim Etkind stellte den zu jener Zeit gerade erschienenen Band »Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten, ausgewählt und eingeleitet von Efim Etkind« vor. Dichtgedrängt lauschten die jungen Menschen, Studenten zumeist, den Ausführungen des ehemaligen Dissidenten. Er, der Anna Achmatova, Alexander Solschenizyn, Joseph Brodsky persönlich gekannt, hatte 1974 die der Sowjetunion verlassen dürfen. Unter anderem kam Etkind auf Stalin und dessen Gehilfen Shdanow zu sprechen; wies hin auf den schwäbischen Sänger Ludwig Uhland, der seinerzeit eine Verheißung ausgerufen über alle Tyrannen: »Weh dir, verruchter Mörder! Du Fluch des Sängertums, / Umsonst sei all dein Ringen nach Kränzen blut’gen Ruhms! / Dein Name sei vergessen, in ew’ge Nacht getaucht, / So wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht!« Der Name Stalins, so Etkind, erinnere heute nur noch an die grausamen Verbrechen, die jener begangen; der Name Shdanows sei ganz wenigen nur noch bekannt als der Parteifunktionär, der Anna Achmatova öffentlich beschimpft. Uhland habe recht gehabt, sagte Etkind: Die Namen der verruchten Mörder seien »wie ein letztes Röcheln in leere Luft verhaucht«. Die lyrische Dichtung aber bestehe ewig. In der Buchhandlung hatte eine besondere Atmosphäre geherrscht. Die uns umgebenden, um uns herstehenden Bücher, das respektvoll konzentrierte, aufmerksamste Lauschen auf die Worte des jüdischen Literaturwissenschaftlers, das Prophetische seiner Ausführungen ––– man sehe es mir nach, daß ich im Innersten meines Wahrnehmens die Nähe zu einer gottesdienstlichen Feier gespürt. Vor meinem geistigen Auge die Kerzen auf dem Altar, die aufgeschlagene Bibel, das klar vorgetragene Bekenntnis, die Choräle einer andächtigen Stille. Aufgewühlte Seelen. Ach, die gottesdienstlichen Momente unseres Hierseins. Der Abend hatte mit roter Tinte einer untergehenden Sonne traurige Gedanken auf meine Stirn geschrieben.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)