Einmal mehr erlebe ich die letzten Tage eines Winters; bin ich gehalten, nachzusinnen über den Weg einer Schneeflocke; Weg, der doch so sehr an das Hingehn denken läßt eines Menschen durch die Orte seines Lebens. Wo sie herkommt, die Flocke, wo gehet sie hin? Steigt sie herab aus der Metaphysik der Himmel, um endlich in eine Metaphysik der Erde hineinzuschmelzen? Erinnert sie, die Schneeflocke, was die Weise anbelangt ihres Daseins, an jene Worte, die über den augenblicklich im Bibelganzen nur aufleuchtenden Namen ›Melchisedek‹ , daß der ohne Herkunft und ohne Zukunft sei (Hebr. 7,3), geschrieben stehn? Ein Aufscheinen und Verschweben, fraglos wie kalt. Ist unser Leben eher bestimmt vom Abschiednehmen oder von der Ankunft? Schauen wir den Schiffen, wie die den Hafen verlassen, hinterher – heißen wir sie willkommen? Feiern wir die Ankunft, trauern einem Leben hinterher, welches sie verlöre im Namenlosen? Treten wir auf in einem der späten Fragmente Becketts (um nur auf das Stück »Rockaby« aus dem Jahr 1980 hinzuweisen), schweigen oder plappern offensichtlichlich zusammenhangloses Zeug ––– daß, wage ich zu denken, so ein vermeintlich ins Leere Hineingestammeltes (und dies zweifellos gegen die Auffassung des hohnlachenden, uralten Iren mit dem faltenzerfurchten Antlitz gewandt) etwa doch für die ersten Wortsplitter stünde einer neuen Sprache (einer im Auferstehen begriffenen Sprache?). Der Winter viele habe ich gehen sehn. Der Winter viele habe ich gehen sehn. Der Winter viele

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)