Unser alltägliches Verhalten wird zusehends von einer mittelmäßigen Schauspielerei bestimmt. Die großen Bühnenschauspieler, die die Anfänge des Kinos noch mitbestimmt, gibt es nicht mehr. Die alltäglichen Auftritte passen sich dem langweiligen Schreien und Um-sich-Schlagen der heutigen Schauspielerei an, die den Lärm und das Grelle braucht, das Mürrische, Monologische; Schauspielerei, die keine Kunst mehr, die eine introvertierte Tiefe der Seele, ein Schweigen, das der Glaubensgewißheit sich verdankt, eingebüßt. Schauspieler des heutigen Lebens erwecken des Eindruck des Blasierten, die Masken verbergen nichts mehr, sind nur noch da, um da zu sein. Entsprechend das Herumalbern der Maskenträger draußen vor der Tür, in den Cafés, den Straßenbahnen, den Universitäten und Schulen und Kirchen. Man darf nicht den Fehler begehen und jemanden fragen, warum er auf der Erde sei, ob er einer Sendung, die seinem Leben einwohne, folge. Man tritt morgens aus dem Haus, überquert die Straße ––– warum eigentlich? Man spielt keine Rolle, gehorcht keinem Drehbuch, keiner Regieanweisung mehr; man spielt nur sich selbst, die eigene Nacktheit, Sterblichkeit, Vergeblichkeit ––– bis zu dem Tag, da einem Gott begegnen wird

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)