Eine Wohnungstür hinter sich zuziehen; die Tür abschließen – man steht im Treppenhaus eines Jugendstilhauses. Wohin führt der Weg? Soll man die Treppe nach oben wählen? Soll man hinuntersteigen und das Haus verlassen, hinaustreten auf die Straße? Innerhalb des Hauses zu verweilen (für den Weg hinauf sich zu entscheiden oder hinunterzusteigen) hieße, im Geviert der alten Sprache vor sich hin zu gärtnern. Das Tiefsinnigste und Schönste erwiese als Wiederholung sich eines längst immer wieder Gesagten. Keine Frage: Man muß das Haus verlassen, hinaustreten auf die Straße, was weitergehend bedeutet: jeder Stadt und jeder Landschaft den Rücken zuzukehren, aus jeder Hautfalte Ägyptens herauszusteigen in ein Anderes. Indes man außerhalb der Sprache nicht sprechen, nicht schreiben, keine Zeichen setzen kann. Niemand, der aus dem Raum, in welchem Sprache konfiguriert wird, sich davonstehlen könnte – das Schweigen, Verstummen verweilt als Möglichkeit innerhalb des Quartiers ––– aus dem Raum der Sprache gibt es kein Entrinnen (biblischem Verstehen gemäß gehören die Landschaften des Postmortalen zum Inventar des Hauses). Allein, es gibt den Ausbruch aus der Zeit (Wink, den wir Proust’s Recherche verdanken). Das Neue, Andere (ein dem Hinaustreten auf die Straße sich Verdankendes) verlangt nach einem Zustand jenseits der Zeit (die ein Verströmen stets). Wäre das Heraufdämmern möglich einer reinen Präsenz (ein Etwas, ein transpersonales Du, welches, keiner Vergänglichkeit unterworfen, gleichwohl verharrte im Räumlichen eines Sagens)? Eine epochenübergreifende Manifestation des Jetzt jenseits eines Bleibenden (die Pfeiler im Strom gehören zur Bildwelt noch der hinsterbenden Flußläufe). Ich spreche vom Mysterium einer reinen Präsenz (möglicherweise das JETZT des Johannesevangeliums?). Das Mysterium der Präsenz wäre das gesuchte, ersehnte Andere, Neue, das jenseits auch des Sich-Wiederholenden aufglänzte. Es wäre jenes Licht, welches den Dichter erwartete, der auf die Straße hinausgetreten, der weggewandert, der alle Agglomerationen von Stadt und Sprache, von Garten, Industriegebiet und Landschaft hinter sich gelassen, der erführe, was es bedeutet, in ein Unsagbares hineinzuwachsen, welches im frühkindlichen Staunen über jedes »Es-gibt« sich wiederfände. Voraussetzung für diesen dichterischen Denkweg: die Wahrnehmung eines vollkommen Überflüssigen. Man muß bis ins tiefste Mark hinein erfassen, was es heißt, überflüssig zu sein (in den nietzscheanischen Adel einer, aus gemeingesellschaftlicher Sicht, überflüssigen, spirituellen Kaste erhoben zu werden). Fischerboote schlafen in der kleinen Hafenanlage. Inwiefern unterscheiden sie sich vom gefällten Baumstamm, der, möwenüberflattert, neben dem Kanal wie weggeworfen im Riedgras liegt. Die Fischerboote haben Verwendung, sie werden gebraucht. Der Fischer kommt, steigt in das Boot, lichtet den Anker (ich kann nicht anders, ich höre im Hintergrund jeder menschlichen Tätigkeit den Vers eines Baudelaire: » Ô mort, vieux capitaine, il est temps, levons l’ancre…/ O Tod, alter Kapitän, es ist Zeit! laß uns die Anker lichten…«)… Der gefällte Stamm ist nur noch Zeichen eines Überflüssigen, einem Verrotten übereignet, aus dem Blick geraten einer tätigen, Atombomben und Giftgas herstellenden, Folterkammern bauenden Welt. Hinter allem Überflüssigen (nicht Verwertbaren) dämmert herauf das mysterium praesentiae, ein Unterirdisches, das, einem Alpengipfel gleich, erstiegen, erklommen werden will. Kein Weg hypotaktischen Erschließens – in Frage kommt nur ein Umkreisen des Rätsels. Es ist ein geduldiges Umschreiten des Altars; irgendwann wird dir die andere Gegenwart gereicht. Du kannst sie nur empfangen. Sie ist das Äußerste an Überflüssigem, das Schönste. Der Kanten Brot in Wein getaucht. Wir sprechen nicht von Verwandlung; Verwandlung ereignet sich innerhalb der Zeit. Es ist ein ganz und gar Anderes. Es webt, dies Andere, im Flug der Gabelweihe, im handgeschriebenen Brief (2. Kor. 3), in einem Gestern, welches ein Übermorgen, ein in sich zusammenstürzender Augenblick der Wolken, webt im zerfallenen Treppenhaus einer Ruine, in den Augen eines schlaflosen Kinds. Mysterium Christi spiritualis praesentiae. Ich trete morgens um vier auf den Balkon und zünde eine Zigarre edelster Herkunft an. Der Wein, den ich zu dieser Stunde trinke, entfaltet im armen Mund des Dichters seine ganze Vornehmheit. Tiefe Nacht.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)