Auf leisen Sohlen betritt ein alter Regen die Räumlichkeiten des Abends; über Jahrhunderte hin hat der Mensch dieses Erscheinen als behaglichen Alltag genießen dürfen. Regentropfen berühren sanft die Erde. Irgendwo öffnet eine Haustür sich; ein Feierabendmensch geht in seine Kneipe. Kinder, die zu Hause bleiben, räumen Schulsachen vom Eßtisch, auf dem Herd die Reste einer Suppe. Es waren die kleinen Wege tagsüber: die zur Bäckerei, zum Friseur, an die Bushaltestelle hinführenden. Wege, die sich unabhängig von den schreienden Ereignissen eines Tages aufgetan. Es waren Mauerritzen, in welchen Schwalben wohnten und ein stilles Abgewandtsein des Menschen vom Fieber der großen Ereignisse. Gegenwärtig erleben wir die Zerstörung solcher Alltäglichkeit. Wir werden hineingezwungen in ein besitzergreifendes Lallen. Jeder Schritt wird dokumentiert und die Kurve eines jeden Atemzuges wird vermessen. Die Seele wird wie Teig ausgewellt, damit keine Falten bleiben und keine Ritzen, in welchen Stimmungen und Geheimnisse sich verbergen könnten. Die gesammelten Schriften unserer inneren Stimmungen werden veröffentlicht und von Maschinen gelesen, sortiert, archiviert. Plötzlich wird uns die Gewißheit zuteil, daß der Glaube zu den Schatten besagter Alltäglichkeiten gehört hat. Wir haben Münzen in den Telephonapparat geworfen und gespürt, wie die Bilder der Johannesapokalypse, die verwegenen Sprachwelten des Sehers von Patmos, ockerfarben und zartblau nach dem ersten Kaffee des Tages geschmeckt; sie waren, wild, verrückt, schroff, abgründig – ein uns Vertrautes; sie gehörten, die hohen Metaphern, ganz selbstverständlich wie eine Hintergrundsmelodie zum Ausräumen des Einkaufkorbes nach dem Zurückkehren vom Wochenmarkt. Nunmehr sind wir eine vermessene Landkarte und alles ist fremd geworden, was nicht zum Alphabet anonymer Märkte gehören darf. Der Mensch hat aufgehört zu beten; bzw. werden auch die Gebete veröffentlicht, ins Netz gestellt; Gottesdienste gehören zum Inventar der Unterhaltungsindustrie (wo aber ein Rufen de profundis?) Ob in der Poesie sich ein letzter Widerstand verbürge? »Anderntags ein Schmuck der Sechsuhr- / morgenfrühe sich, wie ein Traum der Eule, / in die Grundsteinmauer meines Namens / grub. Der Marktplatz meiner Augen / liegt im Mittagslicht. Im Tempelvorhof meines Mundes / hingeschüttet Brosamen von alten Büchern. / Sozusagen wie ein Ruf des Lammes / sind die Ufer, von denen ich nicht / weggehn will.« (aus der Dichtung »Zyperblume,Nardenähre«)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)