Der Regen hat ein sehr schönes Gesicht. Er ist unauffällig gekleidet, trägt gleichwohl den eleganten grauen Mantel. Hätte jemals ein sterblicher Mensch den Regen ohne Hut durch die Gassen gehen sehn? Der Regen trägt den Hut wie Kafka ihn getragen – mit der Selbstverständlichkeit des Prager Rechtsanwalts; indes der Regen, anders als Franz Kafka, vor niemandem den Hut zu ziehen sich genötigt sähe. Grußlos nimmt er seinen Weg. Ich habe mich oft gefragt, warum er mein Zuwinken nicht erwidert, warum er unbekümmert um mich vorübergeht? Warum verhälst Du Dich meinem Leben gegenüber vollkommen gleichgültig, lieber Regen? Was habe ich Dir getan? Ich hätte eine leidenschaftlichere Zuwendung erwartet, zumal ich nachts auf den Terrassen und Balkonen der Welt meine Hand oftmals Dir entgegengestreckt; Du hast sie weder zurückgewiesen, noch angenommen, hast einfach, meiner mißachtend, weiter vor Dich hingebrummelt. Anders Dein Bruder, der Schnee, der mich immerzu in die Arme geschlossen, der mir zugerufen, ins Ohr geflüstert, die Hand tröstend auf die Schulter mir gelegt. Du verachtest uns, die wir durch die Städte wandern dieser Zeit, o Regen, weil wir den Kontinent der Kultur und des Glaubens verlassen, aus den Augen verloren haben. Längst gehören und dienen wir ganz anderen Herren; die meisten verhalten sich dieser Beobachtung gegenüber gleichgültig. Bruder Schnee, erbarme Dich!

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)