Überall werden Stimmen laut, welche Poesie, auf alle Bereiche des Lebens bezogen, einfordern. Allerorts spürt man den Mangel. Das Gedicht steht, frierend, alleine im kalten Wind wie ein Bettler; alle gehen vorüber. Sie tragen das Wort »Poesie« auf den Lippen, ziehen indes an den schönen Sprachfugen vorüber. So wenige, die sich wirklich dem Lesen von Gedichten widmen. Was Kassner über die Toten ausführt, hätte er auch über das Gedicht sagen können: »Ach wir alle sind hastig, flüchtig, nur die Todten sind tief u. dauernd.« (Rudolf Kassner an Anton Kippenberg, 29. Dez. 1926). Gedichte sind tief und dauernd; sie stehen für einen eigenständigen Kosmos, der gleichwohl mit allem Lebendigen, mit dem Christusleib also, mit den Lebenden wie mit den Toten, verbunden ist. Man muß lernen, Gedicht zu lesen; wie man lernen muß, philosophische Texte zu entziffern und zu deuten. Es wäre an der Zeit in allen Schulen das Fach »Poesie (Gedichtelesen)« anzubieten; daß alle Kinder, einmal wenigstens während der Woche, eine Schulstunde lang, einen oder zwei Verse (im glücklichsten Fall eine ganze Strophe) nachzubuchstabieren, abzutasten, auf vielfälltigste Weise zu verstehen aufbrechen würden. Die Schule würde wieder zum Geschenk für ein Menschenleben. Unterweisung endlich wieder und Bildung – neben allem anderen. Das Gedicht steht, frierend, alleine im kalten Wind…

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)