Gestern in Sulz am Neckar, im Herzen Württembergs gelegen. Eine geheimnisvolle Stadt. Der Straßenverkehr geht über den Markplatz, ältere Häuser im Zerfall begriffen, in jüngerer Zeit vereinzelt Erbautes von ausgesuchter, kaltweißer Häßlichkeit. Kaum mehr Geschäfte, kleinere Läden. Wir finden einen einzigen Gasthof, der geöffnet (in welchem man wunderbar speisen konnte); ansonsten Kneipen (Cappuccino 1.50 €, Whisky 2 € ––– ihr versteht!). Kaum Fußgänger und überall, im Herzen des Städtchens, finden sich gebührenfreie Parkplätze. Wenn ich an Städte denke wie Tübingen, Marburg, Göttingen, Heidelberg, könnte man erwägen, Sulz sei ein von Krempel und Kitsch umwuchertes Motel am Rande einer menschenverlassenen Steppe (ein einzelner Zahn noch im schwarzen Mund). Die am Hang über dem Städtchen sich erhebende Kirche verschlossen. Daneben ein leerstehendes Pfarrhaus. In die Fenster des frisch renovierten Dekanatamts Sprossen eingesetzt aus Kunststoff. Eine geheimnisvolle Stadt, in die man sich verlieben könnte.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)