Woher rührt die mürrische Art so vieler Menschen heute? Der tiefe Blick erkennt, daß sie leiden unter einem Ausgeschlossensein; sie wohnen, die schlecht Gelaunten, in einem Außerhalb, verfügen über keinen Zugang zur göttlichen Freude (dem Glutkern des Geschaffenen). Wie oft hat man mir vorgeworfen, ich sei schwermütig, viel zu traurig meine Predigten ––– sie haben nicht verstanden. Wer durch die Gärten spazieren darf göttlichen Frohmuts, aus einer in der 6. Nemischen Ode Pindars (entsprechend dann auch in der Apostelgeschichte) beschworenen Gottursprünglichkeit trinken darf, dem ist die Macht verliehen, über die abgründigsten und bittersten Dinge zu handeln, ohne zerstört, in die Tiefe gezogen zu werden. Man ist frei, über alles zu sprechen; der Gegenstand der Betrachtung vermag einen nicht mehr zu ruinieren. Es ist gar hübsch von einem kleinen Herrn, / So göttlich mit dem Teufel selbst zu sprechen – möchte ich in Abwandlung des Faustprologs zu bedenken geben. Der Glaube macht frei, dem Bösenins Angesicht zu starren. Die umfassendste und gründlichste geistige Unabhängigkeit speist sich aus den Quellen jesuanischen Glaubens. Der Herr spaziert nicht nur über den See Genezareth, über die Meere dieser Zeit, sprich: die riesigen Auffangparkplätze am Rand der Städte; er flaniert gleichermaßen über jene Hafengewässer, welche einer Menschenseele vorgeordnet sind. Ich vernehme den Takt der Schritte Jesu über die Landestege und Jahreszeiten meiner Biographie. In größter Bitterkeit befangen, war ich nie unglücklich. »Wir vergessen, daß ein jeder Tag still duftet nach dem frischem Brot, / Nach Schnee und Lindenblütenhonig, daß noch jeder Tag / Den Staub der Anmut wiederfindet, und der Fluß der Sprache // Schönheit uns empfinden läßt. So viel Warten an einem Honigstand / so viel Anstehn, Bitterdistel-Sein. Sprache fließt (nachtgeschminkter Teer vor Blüten eines Kirschbaumzweigs) aus Gott.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)