Es waren zwei Jahrzehnte vielleicht der Lebenslangeweile. Die Bewohner der westlichen Welt haben der Zerstreuungen vielfältig gefrönt; keiner Idee, der sie angehangen hätten. Eine sorgfältig und in aller Regel zuverlässig verwaltete Alltäglichkeit; zuweilen die dionysische Anwandlung, die Hingabe an Sport und wilden gesetzlosen Tanz und »ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume.« (Nietzsche) Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß wir in eine ›leidenschaftlichere‹ Epoche hineingeführt werden, aufmerksamer gelebt und einsamer wieder gestorben werden wird. Ein Erwachen? Ich denke: ja. Der Einzelne wird auf die Stimme der Nachdenklichen wieder hören. Ein tieferes, der Glaubenerfahrung vertrauendes Christentum wird herbeigewunken werden von Seelen der Knienden; verbunden mit der Wiederentdeckung ernster geistlicher Musik. Die Suche nach einer anderen (prophetischen) Sprache. Ich spreche von Erdbewegungen im Untergründigen, von Tiefenströmungen. Wir dürfen uns nicht täuschen lassen vom Weg der Massen. Am Horizont erkennen die Empfindsamen das Aufgehen eines Sterns, den der Predigt. Der große Roman (als religionsphilosophischer Essay im Sinne Dostojewskis ––– Dostojewski und Nietzsche die eigentlichen Zeitgenossen!) wird in unser Leben wieder treten. Dichter wie Hölderlin werden unsere Kirchenväter sein. An der Sumpfdotterblume vorüberzugehen, ohne den Mund ihr zuzuhalten und sie zum Ersticken zu bringen. Der Tanzschritt auf der Suche nach einem Gesetz, nach kosmischen Rhythmen. Schlicht und scheu die Farbe auf der Tunika des Gebets (es sind Gebete, welche Nacktheit und Ausgeliefertsein zudecken der Sterblichen).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)