Paulus kann lediglich insofern als politischer Denker verstanden werden (darin der Stoa tief verwandt), als der Deutung dieser politischen Welt Bedeutung nur zukomme in Hinsicht auf den Kampf um freies Existieren-, also freies Denkenkönnen des Einzelnen. Auf dem Fahrrad am späten Vormittag durch eine Studentenstadt wie etwa Groningen treiben, in völliger Hingabe an die eigene (kosmos-, also gottverehrende) Gedankenwelt atmen zu können – daran läge alles! Die politische Welt als solche, durch und durch vergänglich, und dadurch zum Tyrannischen und Totalitären neigend, verdiene es nicht, beachtet zu werden. Als innere Tendenz irdischer Macht kann die beständige Sehnsucht nach Umsturz ausgemacht werden. Alles Gewordene verfalle einem Statischen, rufe infolgedessen Revolutionen immer wieder hervor; das Meer gesellschaftlichen Lebens erweise sich stets als aufgewühltes. Politik kenne kein Maß, keine Mitte, der Gläubige sei auf seinem Kahn hin- und hergeworfen wie alle anderen Subjekte, Gesellschaft könne immer nur erlitten werden. Inmitten der Ekstase und der Extreme stehe der Tempel (der jedoch infolge seiner Sichtbarkeit immer wieder angezündet und niedergebrannt würde); dagegen einzig das innere Gebet den unzerstörbaren Tempel widerspiegle. Keine politische Herrschaft verfüge über die Macht, Gottes Wort zu schleifen (es regiere und herrsche im verborgenen Inneren). Paulus wendet sich also beschwörend, besänftigend an den irdischen Thron. Er ertastet (wie ein Blinder den Weg sich sucht) die freien, auf Gott hin geöffneten Fenster, die gottoffene Mauerscharte. Paulus huldigt einem apokalyptisch messianischen Verständnis des Hiesigen. Die eucharistische Geste schafft das Durchsichtige. Verwandlung will eher das Dichte durchsichtig machen, weniger andere Gestalten schaffen der Materie (und dieses Durchsichtigwerden materieller Strukturen auf die Welt der Engel und göttlicher Herrschaft hin kann eben doch am ehesten vom Begriff des Symbols her gedeutet werden). Wasser in Wein verwandeln heißt: Auf dem Grund des Gekelterten die Handschrift festlicher Gottgegenwart lesbar werden zu lassen. Vielleicht verkörpert die Studentenstadt des achtzehnten, neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts am ehesten ein paulinisches Ideal. Groningen, Tübingen, Greifswald, Heidelberg, Jena ––– Städte, die Ruhe gewähren und geistige Freiheit; Städte des Lesens. Ganz und gar versinken zu können in die betende Lektüre. Luther sagt, die Kirche heiße Almuth (»Darum heißt die Kirche Ps. 9(1) Almuth, die Verborgene (abscondita)…« Ad librum…Ambrosii Catharini); ich sage: die spirituelle Stadt heißt Groningen. Das Meer der Tyrannis liegt vor der Tür, die Deiche halten es zurück. Wann werden die Deiche brechen? Sind sie bereits durchlässig geworden? Paulus und die Stoa wollen die Welt nicht verändern. Souveränität des Gesites verkörpernd, beschwichtigen sie das Wilde Tier. Beide, Paulus wie die Stoa, mißtrauen dem revolutionären Subjekt. Es ändert sich das Antlitz der Herrschenden. Moden und Trachten kommen und gehn. Die Absurdität irdischer Herrschaft erhält sich als perpetuum mobile. Es gibt bessere und schlechtere, gute wie auch grausame Formen der Macht. Für die besseren und guten zu streiten ist Gebot, damit die Gottesdienste gefeiert werden können und keiner Zerstörung anheimfallen. »Wohin aber ziehen diese Kähne, die großen Autobusse der Moderne?«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)