Was ist Lernen, Studieren? Der griechische Regisseur Theodoros Angelopoulos (1935-2014) antwortete, gefragt, wie er seine Filme plane: »Am Anfang Erkundungen von Drehorten, die sogenannte Motivsuche: ein Auto, ein befreundeter Photograph, der fährt, eine Reise. Oft denke ich, dass mein einziges Zuhause, der einzige Ort, an dem ich mich ausgeglichen und in eins empfinde, neben dem Freund ist, der fährt. Geöffnetes Fenster, vorbeiziehende Landschaft.« Die Äußerungen des Filmemachers stellen sehr viel von dem, was heute als Pädagogik vorgetragen wird, in Frage. Tatsächlich meine ich, Lernen sei zuallererst einem Herumschlendern geschuldet (peripatein: wandeln; Platon hat seine Schüler im Gehen unterrichtet); einem Streifen durch Bibliotheken; durch die Welten der Literatur; einem Spazierengehen durch die Eremitage der Stadt St. Petersburg, dem Kaffeetrinken in einer vorstädtischen Leipziger Galerie…Nietzsche hat den weitaus größeren Teil seines Werkes während verträumter Spaziergänge durch italienische, französische Städte und Dörfer, durch sommerliche Alpenlandschaften ersonnen. Es fehlt den Heutigen das Spielerische, Abduktive, das Leichte, das an den Spazierschritt erinnernde Herum-, Hin- und Herdenken, das Drehen und Wenden der Sachverhalte, das Trinken der kalten Luft und das Empfinden einer geistigen Abhängigkeit vom Unendlichen und Ewigen (Schleiermacher). Die Arbeit am Bildschirm widerspricht dem Schweifenden insofern, als man an den Stuhl sich gebunden wiederfindet. Die Tüftler, die recht eigentlich doch auch Kinder sind der Stühle und nicht des Schreitens, wären gut beraten, Geräte zu erfinden, die man spielerisch, während des Gehens, verwenden könnte (natürlich würde es solche Spielzeuge längst schon geben, ich bin nur daran vorübergegangen bisher). »Das Schiff legt ab, das weiße Brot des Leibs verliert in Nebelrändern sich.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)