Es war während des Vikariats Anno Domini 1981. Im Rahmen der Vikarsausbildung waren wir zum Gespräch geladen mit Vertretern der Chefetage eines Autokonzerns. Die Flamme des Gedankenaustausches wollte nicht so recht auflodern. Man saß sich gegenüber: Vertreter der Industrie, mittleren Alters, elegant gekleidet; die Schar der Vikare, Frauen und Männer, die noch ganz erbaut waren vom leichten, wirklichkeitsfremden, alles in Frage stellenden Denken der Nachachtundsechziger Universität, zukünftige Repräsentanten der evangelischen Kirche – wir saßen uns gegenüber und hatten uns nichts zu sagen. Jedes Wort, kaum ausgesprochen, verlor sich in einer Leere des Belanglosen. Höflichkeit obwaltete; die fürs Gespräch angesetzte eine Stunde würde man durchstehen. Irgendwann fragte ich (fragte in aller Unschuld, der meinem Wesen entsprechenden Naivität), ob sie, die Herren der Unternehmensleitung, während ihres alltäglichen Tuns, des Telephonierens, Zusammensitzens, Reisens eigentlich daran dächten zuweilen, daß sie eines Tages würden sterben müssen. Heute noch sehe ich die Gesichter der also Befragten vor mir: Ratlosigkeit ihnen ins Antlitz geschrieben; eine Ratlosigkeit aber, die mühselig nur ein offen höhnisches Auflachen zurückzuhalten vermochte. Sie schauten sich betreten an; bis dann tatsächlich einer aus ihrem Kreis das Lachen nicht länger unterdrücken konnte. Viele Jahre sind seitdem verstrichen. Meine Frage war ehrlich gestellt gewesen; keinerlei theologischer Triumphalismus, kein Gedanke an Provokation, der sich dahinter verborgen hätte. In der vorgegebenen Situation hatte die Frage Besitz von mir ergriffen. Jahre später hätte ich geschwiegen; heute würde ich schweigen. Damals aber …

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)