Der mittelalterliche Universalienstreit wird nie zu Ende gehen. Immer wird darüber gestritten werden, ob es das Wissen gäbe, welches einen Überblick über die Weite der Epochen und großen Fragen vermitteln könnte; oder, ob wir, nach einer zerbrochenen Gesamtschau der Dinge, doch an Splitter und Partikel ausgliefert, dem Einzelnen gehörend, welches zusammenhanglos uns erscheinen mag, auf unserem Schifflein hintreiben hilflos. Die späte Dichtung Hölderlins hat die deutende Gesamtschau ruiniert (»Streifen blauer Lilien / Kennest du ––– der Arbeit / Von Künstlern allein oder gleich / Dem Hirsch, der schweifet in der Hitze. Nicht / Ohn‘ Einschränkung.«). Es ist der »Streifen blauer Lilien«, der erkenntlich aufgeht vor unserem Auge. Es ist aber nur der Streifen, mehr gewahren wir nicht. Verwehrt ist es uns, diesen Streifen einzuordnen in ein Ganzes. Die moderne Poesie überhaupt spiegelt (im Grunde seit Petrarca) dieses Zusammengestürztsein des Palastes; daß wir lediglich Steinbrocken noch zu ertasten vermögen, das Gesamtbild aber entschwunden ist. Endgültig ausgesprochen findet sich diese Erkenntnis im Werk Samuel Becketts wie in der Dichtung Paul Celans. Allein die zersplitterte Sprache ist nicht weniger schön als die der umfassend dem Sein sich verdankenden Wortkette. Wir haben zuletzt noch das Antlitz Jesu (verdunkelt ein trinitarisch gegliederter Himmel, wie er in Dantes »Göttlichen Komödie« sich noch dargestellt findet). Jesu Antlitz ist nicht weniger schön als die hochmittelalterliche Kathedrale in all ihren (einem Gesamt sich verdankenden) Verästelungen der Linien. Es sollte sich erfüllen, was Hölderlin in seiner Ode »Rousseau« geahnt; daß an die Stelle der geschwätzigen Großoffenbarung die eine Geste des Winks dann träte: »…Dem Sehenden war / Der Wink genug, und Winke sind / Von Alters her die Sprache der Götter.« Als Jesu Anlitz Schauende ist der Wink (das blitzartige Aufscheinen des Christus praesens) mehr als genug. Wir haben alles. In all unserer Erkenntnisarmut sind wir die eigentlich Beschenkten, leben wir, der »dürftigen Zeit« ausgeliefert, als die Weisen und geistig Erfüllten. Wir wissen nichts und sehen doch alles.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)