Letztlich gehe ich davon aus, daß einer nominalistischen Denkhaltung größere Gewichtigkeit zukomme als einer scholastischen. Auch zu Zeiten, da das Denken scheinbar das Höhere vom Mittelmäßigen zu unterscheiden vermochte, blieb eine Art der Blindheit. Ewig, im Sinne des Humanums, bleibt allerdings auch die Not, gleichwohl unterscheiden zu müssen (auch wenn uns dies offensichtlich kaum mehr gelingen mag), den Rang einer Bachkantate, einer Kurtág-Miniatur gegenüber dem Geräusch einer betrunkenen elektrischen Zahnbürste zu verteidigen. Es gilt, das geistige Israel herauszustellen angesichts der gleichmacherischen Buntheit des allgemein vorherrschenden Bewußtseins; es gilt für das Hohe und Heilige zu streiten. Das Betrachten des Antlitzes Jesu verfeinert die Sinne, schafft seelische Eleganz, verleiht die Gabe eben dann doch, für den Tempel (den unzerstörbar göttlichen)des Geistes einzustehen, diesen zu schützen vor den Abbruchunternehmern, den Gleichmachern aller Zeiten. Das Betrachten des Antlitzes Jesu führt dich, ohne daß du es bemerken würdest, in die Welt der Zäune und Mauern, der Folterinstrumente und Lügen (o dieses unverschämte offene Lügen), läßt dich verzweifeln, verleiht dir gleichwohl die Anmut, das Zurückhaltende, ein (schließlich entschiedenes) Eintreten für den in Gefängnissen des Frosts eingesperrten und dort gequälten Ossip Mandelstam (wobei der Name dieses von Stalin ermordeten Dichters stellvertretend für alle geschundenen geistigen Menschen stehe).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)