Ich höre im Radio das Sun Trio, eine finnische Jazzband. »Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.« In der Bucht liegt ein Ruderboot; man sieht einen Herrn, der graue Mantel verleiht ihm Würde, im Boot stehen; er hat die Hand hinters Ohr gelegt – er hört, hört in die Leere hinein. Nieselregen fällt auf den Clown, der auf einem Mäuerchen sitzt und jene Münzen zählt, welche Vorübergehende in den vor ihm liegenden Hut geworfen. Er hört, der Clown, wie jemand seinen Namen ruft. Alle hören. Philon von Alexandria (25 v. Chr. – 50 n. Chr.) stellt nun den Zusammenhang heraus von ›Hören‹ und ›Sehen«. Es bedürfe, der Gotterkenntnis näherzukommen, der intellektuellen Anschauung. »Menschenstimme ist hörbar, die Stimme Gottes aber in Wahrheit sichtbar. Warum? Weil das, was Gott spricht, nicht Worte sind, sondern Werke, die das Auge besser beurteilt als das Ohr.« (De Decalogo 47) Die uns zugerufenenen überweltlichen, göttlichen Wahrheiten wollen nicht nur gehört, wollen vielmehr in theoretische Einsicht überführt werden. Das eigentlich ursprüngliche Hinhören auf Gottes Stimme wird, weil der Mensch das Gehörte verstehen, als Erkanntes in sein umfassendes Hiersein einbinden möchte, verwandelt; Ohren werden in Augen verwandelt. Ich erwäge nun, nach all den Erfahrungen mit neuer, atonaler Musik, ob dem Hören möglicherweise der Tanz eher entspräche? »Hören ist etwas anderes als verständnisinniges Zuhören: es meint anders hören, in sich neue Antennen, neue Sensorien, neue Sensibilitäten entdecken, heißt also auch seine eigene Veränderbarkeit entdecken.« (Hans Lachenmann) Der Tanz versammlt in sich alles Nachdenken, den Traum, die verzweifelte Flucht, die Heimkehr, das Gedicht, den Klang, den Kosmos menschlicher Arbeit (der Werkstatt), das Hintreiben im Nachen, Geborenwerden, Sterben, Lebenslangeweile, Krug und Brot und Krieg. Dann verstünden wir auch, daß der Dreiklang HÖREN–SEHEN–TANZEN Jesu irdischem Erscheinen in gebotener Weite, Tiefe  Festlichkeit und Würde gerecht wird. »Die Schrift zu tanzen bin ich in die Zeit gesandt / Den Namen zu entziffern also an der Wand« (aus: »Dienstags der Blick von einer Dachterrasse / An Kierkegaards Grab«)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)