Alle wollen Visionäre sein. Auf der Betriebsversammlung eines mittelständischen Unternehmens, jeder Postdienststelle wird angemahnt, man brauche Vi-si-onen; wobei jenen, die aufrufen zur großen Vision, doch nur an besserer Vermögensverwaltung, einer geschickten Verkaufsstrategie, der Reduktion betriebsbedingter Ausgaben gelegen ist – an und für sich gar nichts Schlechtes; nur…Ein europäischer Finanzminister? Was spräche dagegen? Müssen politisch-ökonomische Schachzüge (die zu erwägen sinnvoll erscheint durchaus) herhalten, für ein Großes, Nächtliches, religiös-philosophischer Erkenntnis Geschuldetes? Robert Bressons vergrübelte, um einen unendlich differenzierten Sündenbegriff kreisende Filmkunst, die dem Alltag nachgebauten Skulpturen eines Antoni Tàpies , die zeigen, wieviel Liturgie in einer unhinterfragten, selbstverständlich anmutenden Handlung wie etwa dem Zu-Bett-Gehen sich verbirgt (ich kann nicht oft genug auf solche nun in der Tat visionären Meteoriten hinzeigen); die Totengebete in Hermann Brochs »Der Tod des Vergil«; die Hand, die die Diplomingenieurin ausstreckt, das Brot zu empfangen vor einem Altar: Das Empfangen also einer heiligen Metapher inmitten einer ausschließlich aus künstlichen Bildern sich zusammensetzenden Zeit ––– Man sollte eine Vision Vision sein lassen, den Begriff nicht mißbrauchen, verunstalten. Das Leben der Menschen bedarf des nüchtern Handwerklichen, keine Frage; und es bedarf mehr denn je der echten künstlerisch-religiösen Schau, des hohen Worts, von der Kanzel herabgesprochen. Wir verstehen übrigens durchaus, warum die Pfarrer nicht mehr auf die hohen Kanzeln steigen, dagegen von irgendeinem stilfremd angefertigten Ambo her ihre kleine Botschaft vortragen ––– Sie geben vor, die Damen und Herren eines ›menschlich-geschwisterlichen‹ Predigens, nicht zu den Leuten herabsprechen, sich nicht überheben zu wollen; tatsächlich verfügen sie nicht mehr über ein Wort – wird dieses ihnen nicht mehr zugesprochen – welches schlicht und ergreifend nur von oben her zu sagen, den hörenden (und also sehenden, tanzenden) Seelen zuzusprechen wäre – Wort, das seinen Ursprung in einem Anderswo hätte. Es sind die Einzelnen Kierkegaards, die geistig Vereinsamten, die nichts verstanden und doch das Entscheidende ergriffen haben, aus deren Mündern und Händen das Visionäre aufsteigt. Keine Inszenierung, kein Moderieren, keine Pseudobildung, kein falsches Pathos ––– es ist das Gewaltige von Innen heraus, welches als Zugesprochenes sich über den Rand der Schale hinaus verströmt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)