Immer wieder die Beobachtung, wie im Laufe der Zeit ein genaues Sich-Erinnern an den Inhalt der großen Romane angesichts der Überfülle an Lektüren sich verflüchtigt. Es bleiben die groben Linien, die bedeutungsschweren Gedanken, einsame Metaphern – es bleiben Details: kaum zu erklären, warum gerade diese und nicht andere? – wie man in Hinsicht auf menschliche Begegnungen oft ganz und gar Abgelegenes, Sonderbares, unendlich nebensächlich Anmutendes im Gedächtnis bewahrt. Aus Kafkas Romanfragment »Amerika / Der Verschollene« hat sich mir ein besonderer Ausschnitt aus dem Ganzen lebhaft ins Gedächtnis bleibend eingeschrieben; die Schilderung nämlich, wie Karl Roßmann nachts auf einem benachbarten Balkon mit einem Studierenden ins Gespräch kommt: »Es war ein junger Mann mit einem kleinen Spitzbart…Er saß, das Gesicht Karl zugewendet, an einem kleinen mit Büchern bedeckten Tisch, die Glühlampe hatte er von der Mauer abgenommen, zwischen zwei große Bücher geklemmt und war nun von ihrem grellen Licht ganz überleuchtet.« Der Studierende in der Nacht einer Stadt, wohnend in der Lichtmandorla ––– In der Weltnacht der Studierende, über die Schrift gebeugte Einzelne! Damals, fünzehnjährig bei der ersten Lektüre des Romans, fand ich meine eigene spätere, bis heute gültige Daseinsweise präfiguriert.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)