Ich bin ein gottesdienstlicher Mensch. Nach Rm. 12,1 durchdringt meine Gottverehrung den umfassenden Alltag; in allen Dingen erahne und erspüre ich das Wirken und Weben, das Einatmen und Ausatmen des (Christus-)Logos. Der sonntägliche Gottesdienst sollte der Korb sein, in welchem die Früchte der wochenüber gesammelten Erfahrungen von Präsenz gesammelt und auf dem Altartisch ausgebreitet, vom Predigtwort dann besungen (gewissermaßen verwandelt, in einem hohen Symbolbegriff angesiedelt, verklärt) werden. Das Gottesdienstliche ist der cantus firmus meines Lebens. Ohne das gottesdienstliche Moment wäre mein Leben dumpf wie stumpf; nichts klänge an, ich irrte, armseliger als Figuren des beckett’schen Spätwerks den immergleichen Korridor des Raum-Zeitlichen sprachentleert auf und ab. Dostojevskij und Lezama Lima hatten bereits zu bedenken gegeben, daß allein der gläubige Mensch Kunstwerke zu schaffen begabt sei – diese Aussage könnte man noch anzweifeln hinsichtlich des Schrifttums, der Literatur. Auf die Musik bezogen darf sie indes Gültigkeit beanspruchen. Alle Tonsetzer bearbeiten irgendwann während ihrer Zeit des Schaffens religiöse Themen/Hymnen. Baltische und russische Komponisten unserer Tagen stehen in besonderer Weise dafür ein, daß ohne untergründige Spiritualität Musik die Seelen nicht zu erfassen vermag. Daß im europäischen Osten dieser Sinn für das Religiöse vorfindbar ist, mag damit zusammenhängen, daß während der Sowjetepoche die religiöse Welt als schlechthin außenseiterisch-oppositionelle erfahren wurde. Dichter und Tonsetzer öffneten sich für den Christus praesens – im Westen dagegen schrumpfte der Künstler in Selbstanbetung und Selbstverehrung zur Karrikatur. In dem Maße, wie totalitäres Gedankengut und Staatswesen um sich greifen heute, tritt der Glaube, ein tiefer, suchender Glaube, in den Horizont wieder der Schaffenden; verwandelt sich das Dasein geistaristokratischer Rebellen in ein gottesdienstlich-metaphysisches, wächst zusehends das Wissen um eine poetische Kirche (eine Kirche, in welcher der Christusgeist Gestalt gewinnt als Tanz, als eine souveräne Form spielerischen, knienden, verehrenden Denkens, als Jesusliebe). Man kann JSBach ohne Glaube interpretieren, spielen; Bach selbst hätte ohne gläubiges Aufschauen zu Jesus seine Musik nicht zustande gebracht.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)